Die Männer kamen an einem Dienstag, kurz nach dem Morgengrauen, als die Luft noch nach Harz und feuchter Erde roch.
Ich lag auf dem Dachboden und hörte sie durch die Dielenbretter: Stiefel auf Pflasterstein, das metallische Klappen von Klemmbrettern, eine Stimme, die Zahlen nannte wie ein Mann, der Vieh zählt. Ich kannte den Klang. Es war nicht das erste Mal. Aber die Zahlen, die ich diesmal hörte, waren andere.
Unten rief Anna meinen Namen.
Der Soldat stand am Scheunentor und trug eine olivgrüne Jacke, die zu groß für seine Schultern war. Er war nicht viel älter als ich. Das machte es schlimmer, nicht besser. Neben ihm hielt ein zweiter Mann ein Notizbuch aufgeschlagen und ließ den Blick durch die Scheune wandern, als würde er eine Einkaufsliste abarbeiten. Der Geruch von getrocknetem Getreide lag schwer in der Luft. Stunden später würde er nicht mehr da sein.
Mein Vater stand mit verschränkten Armen am Scheuneneingang. Er hatte diese Haltung, wenn er nichts sagen wollte und wusste, dass Sprechen nichts nützen würde — Arme vor der Brust, Kiefer fest, Blick irgendwo gegen die hintere Wand gerichtet.
Der Mann mit dem Klemmbrett sagte: Zweihundertneunzig Kilogramm Roggen, achtzig Kilogramm Gerste. Er wartete nicht auf Widerspruch. Er kreuzte etwas an.
Das ist der Wintervorrat, sagte mein Vater.
Der Soldat am Tor sah zu Boden.
Ich zählte im Kopf. Zweihundertneunzig plus achtzig. Wir waren zu dritt. Ich kannte die Rechnungen auswendig, hatte sie schon so oft gemacht, dass die Zahlen sich wie Kerben in mein Denken eingefressen hatten: was wir brauchten, was wir hatten, was dazwischen fehlte.
Die Differenz hatte seit diesem Frühjahr eine andere Größe.
Seit die östliche Sektion von Mauer Maria gefallen war, hatten sich die Requisitionen verdoppelt. Die Armee brauchte Vorräte. Die Armee brauchte Männer. Die Armee brauchte alles, was in den Dörfern nahe der äußersten Mauer noch übrig geblieben war, und sie holte es mit dem gleichen Gesichtsausdruck, den der Mann mit dem Notizbuch jetzt trug: sachlich, leicht gelangweilt, völlig frei von Bosheit. Das war das Merkwürdige daran. Sie hassten uns nicht. Sie brauchten uns nur.
Ich sah zu, wie die Säcke auf den Wagen geladen wurden. Anna stand neben mir und hielt meine Hand, obwohl sie sechzehn war und sowas eigentlich nicht mehr tat. Ihre Finger waren kalt.
Die Mauer, sagte ich.
Sie folgte meinem Blick. Man konnte sie von hier aus sehen — musste man eigentlich immer, ob man wollte oder nicht. Sie stand im Norden wie ein Wetterphänomen, wie etwas, das die Natur hervorgebracht hatte und das man daher nicht in Frage stellte. Fünfzig Meter Stein. Vielleicht mehr. Man konnte sie nicht in ihrer Gänze erfassen, weil sie sich nach links und nach rechts bis hinter den Horizont zog, und nach einer Weile hörte man auf, sie als Bauwerk zu sehen, und fing an, sie einfach als Grenze des Himmels zu empfinden.
Hinter ihr lagen die Titanen. Das wussten wir alle. Das hatte uns niemand erklären müssen.
Noch weiter dahinter, sagten manche, lagen Meere. Wälder ohne Ende. Felder, die niemand bestellt hatte, seit die ersten Mauern errichtet worden waren. Aber niemand, den ich kannte, hatte diese Dinge je gesehen. Die Mauer war einfach da, und man lebte in ihrem Schatten, und das war das Leben.
Nach dem Abgang der Soldaten blieb der Abend sehr still.
Mein Vater setzte sich an den Tisch und legte die Hände flach auf das Holz. Er saß so eine lange Zeit, ohne sich zu bewegen. Anna wärmte Wasser auf und stellte eine Tasse vor ihm hin, obwohl kein Tee darin war, nur das heiße Wasser. Er trank es, als wäre es Tee.
Ich machte die Rechnung zum dritten Mal. Das Ergebnis änderte sich nicht.
Ich sagte: Ich gehe morgen zur Garnison.
Mein Vater sah nicht auf. Er sagte: Ich weiß.
Das war alles, was er dazu sagte. Keine Fragen, kein Widerspruch, keine Worte, die man sich hätte merken können. Nur dieses Ich weiß, das klang wie das Aufschlagen einer Tür, die jemand hinter sich zuzieht.
Anna sagte gar nichts. Ich erinnere mich daran, wie sie damals aussah — oder bilde mir ein, ich erinnere mich. Ob sie geweint hat, weiß ich nicht mehr. Ob sie gelächelt hat, weiß ich nicht. Ich weiß, dass sie am nächsten Morgen am Tisch stand, als ich mit dem kleinen Rucksack durch die Küche ging, und dass sie mir etwas in die Hand gab — Brot, in Leinen gewickelt, noch warm. Mehr weiß ich nicht. Die Bilder von daheim haben begonnen zu verblassen, noch bevor ich irgendwo angekommen war.
Der Transportwagen stand am Dorfrand, auf dem Feldweg, der nach Norden führte, zur Garnison Sieben. Sechs andere Männer saßen bereits darin, zwischen Kisten und aufgerollten Decken, und keiner von ihnen sah aus, als wäre er freiwillig hier. Sie hatten alle diesen Blick — nicht Angst, noch nicht, aber eine Art erschöpfte Leere, die entsteht, wenn man eine Entscheidung getroffen hat, die keine war.
Ich setzte mich ans hintere Ende des Wagens. Der Wagen roch nach altem Holz und nach dem Schweiß anderer Männer. Das Pferd vorne schnaubte. Jemand hustete.
Neben mir, auf der Querstrebe, saß ein Mann, der größer war als ich und breitere Schultern hatte, aber die gleiche Art von Stille um sich trug. Er hatte die Hände auf den Knien und betrachtete sie, als gäbe es dort etwas zu lesen. Die Hände eines Handwerkers — breit, rissig an den Knöcheln, die Nagelbetten dunkel von eingearbeitetem Holzstaub, der sich auch mit Schrubben nicht ganz entfernen ließ.
Ich nickte. Er nickte zurück. Das war unsere Bekanntschaft.
Der Wagen setzte sich in Bewegung, und ich bemerkte, dass ich nicht zurückgeschaut hatte. Kein letzter Blick auf das Dorf, auf den Hof, auf meine Schwester, falls sie noch am Wegesrand stand. Ich weiß bis heute nicht, ob ich es absichtlich unterlassen habe oder ob mir der Moment einfach entglitten ist wie so vieles in diesen Wochen. Ich erinnere mich nur an den Rücken des Mannes vor mir und an das rhythmische Schaukeln des Wagens und daran, wie die Straße nach Norden führte, in den Schatten der Mauer hinein, der breiter wurde, je näher man kam.
Eine Stunde nach der Abfahrt hielt der Wagen auf einem Rastplatz. Ein Garnisonssoldatin verteilte Feldration Nummer drei — ein Stück gepresstes Graubrot, ein Klumpen einer salzigen grauen Paste, deren Inhalt ich lieber nicht kannte.
Ich biß in das Brot. Es schmeckte nach nichts Besonderem. Nach Salz, ein wenig nach Schimmel an den Rändern, nach der Müdigkeit, die man bekommt, wenn man die ganze Nacht nicht geschlafen hat.
Der Mann neben mir aß methodisch, Bissen für Bissen, ohne Eile, ohne Ungeduld. Als er fertig war, faltete er das Stück Packpapier, in dem das Brot gewesen war, sorgfältig zusammen und steckte es in die Jackentasche.
Ich sah ihn an.
Er sah zurück. Georg, sagte er.
Felix, sagte ich.
Er nickte, als wäre das eine ausreichende Einführung. Dann sah er wieder auf die Straße. Ich auch.
Wir sprachen an diesem Tag kein weiteres Wort miteinander. Es gab nichts zu sagen, das nicht flach geklungen hätte, und keiner von uns neigt dazu, Dinge zu sagen, die flach klingen.
Die Mauer wuchs, je weiter wir fuhren. Man konnte ihren Schatten auf dem Boden verfolgen, wie er sich über die Felder erstreckte, über den trockenen Lehm der Straße, über die Gesichter der Männer im Wagen, die einer nach dem anderen aufgehört hatten, miteinander zu reden.
Ich dachte an die Rechnung, die ich gemacht hatte. Zweihundertneunzig Kilogramm Roggen. Achtzig Kilogramm Gerste. Drei Menschen, ein Winter, eine nicht ausreichende Differenz.
Ich war nicht hergekommen, um meine Heimat zu verteidigen. Ich bin nicht sicher, ob mir das damals klar war. Ich glaube, es war eine der Dinge, die ich erst später verstand — dass ich nicht für etwas marschiert war, sondern von etwas weg. Nicht auf ein Ziel zu, sondern weil die Alternative darin bestand, zu Hause zu sitzen und zu warten, bis das Brot aufgebraucht war.
Das ist keine Heldengeschichte. Das habe ich nicht versprochen.
Der Wagen bog auf die Nordstraße ein. Hinter uns verschwand das Dorf in einer Staubwolke. Vor uns stand die Garnison Sieben wie ein Haufen hingeworfener Steine, flach und grau und ohne jede Absicht auf Schönheit.
Georg faltete die Hände im Schoß und schloss die Augen. Nicht als schlafe er — eher als bereite er sich auf etwas vor, das Konzentration verlangte.
Ich betrachtete die Mauer.
Sie grinste nicht. Sie tat gar nichts. Sie stand einfach da, und das reichte.