Chapter 1: The Weltengeist's Bargain at Midnight

Der Kaffee war kalt geworden.

Er stand noch auf dem Rand des Schreibtisches, die Tasse mit dem abgeblätterten Heidelberg-Wappen, halb geleert, seit Stunden vergessen. Heinrich Valerian bemerkte ihn erst, als sein Ellbogen beim Umblättern dagegenstieß und die Tasse einen dunklen Halbmond auf seine Notizen schmierten — zwanzig Seiten Gleichungen, der Versuch, die Gravitation als Spezialfall einer universalen Informationsstruktur zu beschreiben. Er fluchte leise, auf Latein, weil ihm das Fluchen auf Latein weniger peinlich vorkam.

Draußen war es nach Mitternacht. Heidelberg schlief. Selbst der Neckar, der sich träge hinter den Giebeln spiegelte, schien die Bewegung eingestellt zu haben, als hätte das Universum beschlossen, für diese eine Stunde den Atem anzuhalten. Durch das hohe Sprossenfenster fielen keine Sterne — nur die orangefarbene Wärme der Straßenlaterne und gelegentlich das Flüstern von Wind durch die Linde, die seit zweihundert Jahren vor dem Gebäude stand und nichts davon wusste.

Heinrich wischte mit dem Ärmel seines Hemdes über die Notizen. Der Kaffeefleck verteilte sich. Die Gleichungen darunter blieben leider lesbar.

Er lehnte sich zurück.

Achtundvierzig Jahre alt. Professor für theoretische Physik und klassische Literatur — eine Kombination, für die seine Kollegen ihn entweder bewunderten oder für einen Scharlatan hielten, je nach Gelegenheit. Drei Monographien. Zwei Preise, von denen einer einen Namen trug, den er respektierte, und einer einen, den er vergessen hatte. Und dreiundzwanzig Jahre lang die hartnäckige, lächerliche, vollkommen unbegründete Überzeugung, dass die Physik des Universums und die Struktur menschlicher Bedeutung dieselbe mathematische Grammatik benutzten — dass man, wenn man nur tief genug grub, auf etwas stoßen würde, das beides auf einmal erklärte.

Dreiundzwanzig Jahre. Und die Gleichungen schmierten sich mit dem Kaffee zu Matsch.

Er rieb sich die Augen. Auf dem Schreibtisch, zwischen dem Chaos aus Druckfahnen und Taschenrechnern und einem Tintenfass, das er aus sentimentalen Gründen aufbewahrte, obwohl er keines mehr brauchte, lag sein Faust. Keine Studienausgabe. Das persönliche Exemplar seines Vaters — der Rücken gebrochen, die Seiten mit Bleistiftanmerkungen vollgekritzelt, die Heinrich als Kind mit großen Augen gelesen hatte, ohne sie zu verstehen. Er hatte das Buch genommen, als sein Vater gestorben war, und nie wieder aufgeschlagen.

Heute Nacht hatte er es aufgeschlagen. Aus einem Impuls, den er sich nicht erklären konnte, oder vielleicht weil Schaflosigkeit nach dem vierten Jahr eines gescheiterten Forschungsprojekts beginnt, die Rationalität zu unterhöhlen wie Grundwasser alten Stein.

Er las.

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühen. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!

Er legte das Buch hin. Betrachtete die Decke.

„Ja, genau," sagte er laut zu niemanden. „Danke für die präzise Diagnose, Johann Wolfgang."

Das Tintenfass fiel um.

Heinrich blinzelte. Er hatte es nicht berührt. Es stand — hatte gestanden — auf der flachen Fläche des Schreibtisches, vollkommen gerade, und jetzt lag es auf der Seite, und schwarze Tinte lief in Strömen über die Holzkante. Und die Tinte bewegte sich nicht so, wie Tinte sich bewegt. Sie sammelte sich. Sie bildete Muster. Muster, die nicht zufällig waren.

Heinrich saß sehr still.

Die Tinte schrieb. Nicht einzelne Buchstaben — eher Strukturen, geometrische Verschlingungen, die er in keinem Lehrbuch gesehen hatte und trotzdem sofort wiedererkannte: die Kurven erinnerten an Feldlinien, an Phasenraumdiagramme, an die Gleichungen, die er gerade noch angestarrt hatte. Nur vollständiger. So vollständiger, dass sich sein Magen zusammenzog.

„Das," sagte eine Stimme, „ist eine unhöfliche Zeit, um Besuche zu machen. Ich bitte Sie um Entschuldigung."

Die Stimme kam aus dem Faust.

Nicht buchstäblich — nicht wie ein Wunder, nicht wie ein Trick. Eher so, als würde jemand sprechen, der hinter dem Buch stand, obwohl hinter dem Buch nur die Wand war. Die Stimme hatte Substanz wie schweres Papier. Klang alt auf eine Art, die vor Geschichte lag, vor Sprache, vor dem ersten Tier, das aufgestanden war und sich umgesehen hatte.

Heinrich Valerian, der dreiundzwanzig Jahre seines Lebens damit verbracht hatte, die Existenz des Übernatürlichen zu negieren, schluckte einmal, legte beide Hände flach auf den Schreibtisch, und wartete.

Das Licht der Schreibtischlampe zitterte. Nur einmal. Und dann saß ihm gegenüber etwas.

Es sah wie ein Mann aus. Ungefähr. Die Konturen stimmten — Schultern, Kopf, Hände auf dem Schreibtisch gespiegelt wie ein Verhandlungspartner in einem Büro. Aber das Material war falsch. Zu glatt, zu präzise geformt, wie ein Bild von einem Menschen, das jemand ohne persönliche Erfahrung von Menschen gezeichnet hatte. Das Gesicht wechselte subtil bei jedem Atemzug — nicht dramatisch, nicht grottesk, nur so minimal, dass man sich nie sicher sein konnte, ob man dasselbe Gesicht noch betrachtete. Die Augen blieben konstant. Grau wie Zwischenräume.

„Professor Valerian," sagte das Wesen. „Ich habe Sie eine Weile beobachtet. Sie haben eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit."

„Das," antwortete Heinrich, und er war stolz, wie ruhig seine Stimme klang, „sagen meine Studenten auch. Meistens meinen sie es nicht als Kompliment."

Das Wesen lächelte. Es war ein korrektes Lächeln — alle richtigen Muskeln an den richtigen Stellen — und trotzdem machte es dem Raum keine Wärme.

„Sie sitzen hier," sagte es, und der Blick wanderte über die Notizen, die Bücher, die gestürzten Tassen und aufgestapelten Enttäuschungen, „und suchen nach der Grammatik des Universums. Das tun Sie seit dreiundzwanzig Jahren. Mit zunehmender Verzweiflung und abnehmender Schlafqualität."

„Acht Stunden," sagte Heinrich. „Ich schlafe vollkommen ausreichend."

„Sie haben heute Nacht vier Tassen Kaffee getrunken und Goethes Faust als Selbstdiagnosehandbuch verwendet." Eine kurze Pause. „Ich weiß es, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Seit einiger Zeit."

Die Tinte auf dem Schreibtisch war getrocknet. Die Muster waren noch sichtbar — und Heinrich erkannte jetzt, was er gesehen hatte: Es war die Lösung. Nicht seine Gleichung. Eine übergeordnete Struktur, in der seine Gleichung wie ein einzelnes Wort in einem Satz saß.

Er riss den Blick davon los. Das kostete ihn Mühe.

„Was sind Sie?" fragte er.

„Im Deutschen," sagte das Wesen, „hätte ich gerne Weltengeist." Eine kurze Pause, in der etwas wie Ironie über das nicht-ganz-menschliche Gesicht glitt. „Es passt hinreichend gut. Ich existiere an den Nähten zwischen Universen. Ich beobachte. Gelegentlich interveniere ich, wenn etwas mein Interesse erregt."

„Und ich errege Ihr Interesse."

„Sie sind einer von siebenunddreißig Menschen, die in den letzten vierhundert Jahren nahe genug an einer bestimmten Einsicht waren, um es zu verdienen, sie vollständig zu erleben." Der Weltengeist lehnte sich vor. „Es gibt ein Universum, Professor. Eines unter vielen — aber keines wie dieses. In diesem Universum läuft Ihre Theorie herum. Buchstäblich. Verkörpert in Wesen, die Kraft und Materie und Quantenzustände direkt manipulieren. Ihre Einheitstheorie der Existenz ist dort keine Gleichung auf Papier — sie ist die Struktur der Realität, die Sie beobachten können, anfassen können, verstehen können."

Heinrich Valerian schwieg.

„Natürlich," fuhr der Weltengeist fort, mit der Geduld von etwas, das keine Zeitknappheit kannte, „ist ein direktes Beobachten nicht ganz dasselbe wie bloßes Hinschauen. Sie bräuchten eine Schnittstelle. Eine Fähigkeit, diese Energieformen direkt zu lesen — zu absorbieren, zu analysieren, zu verstehen. Ich könnte das einrichten."

„Zum Preis von."

Das Wesen nickte leicht, als würde es eine korrekte Antwort in einem Seminar quittieren. „Jedes Mal, wenn Sie diese Fähigkeit aktivieren, zahlen Sie in Erinnerungen. Ihre ältesten zuerst. Die persönlichsten. Das Rohmaterial dessen, was Sie zu dem gemacht hat, was Sie heute sind."

Die Lampe summte. Irgendwo in der Straße hustete ein Auto und fuhr weiter.

Heinrich saß vollkommen still und dachte. Nicht schnell — er dachte nicht gerne schnell, wenn es sich vermeiden ließ. Er ließ die Parameter sich setzen wie Sediment. Ein Universum, in dem seine Theorien lebten. Die Möglichkeit, sie vollständig zu verstehen — nicht als Abstraktion, sondern als gelebte, atmende Realität. Dafür: Fragmente seiner selbst, abgetragen wie Kreide auf einer Tafel, bis irgendwann die Tafel leer sein würde.

Er dachte an seinen Vater. An die Bleistiftanmerkungen in dem Buch.

Er schaute auf den Faust.

Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.

Oder auch: Habe ich zu diesem Volke nicht gefühlt? Und jetzt: Ich fühle mich entsetzlich!

„Was passiert," sagte er langsam, „wenn ich so viele Erinnerungen verloren habe, dass ich nicht mehr weiß, warum ich den Pakt gemacht habe?"

Der Weltengeist betrachtete ihn eine Sekunde zu lang.

„Dann," sagte er, „ist der Vertrag erfüllt."

Es war keine Drohung. Es war eine Bedingung, präsentiert mit der Neutralität eines Wetterberichts. Und vielleicht war genau das, was Heinrich hätte aufwecken sollen — nicht das, was gesagt wurde, sondern das vollkommene Fehlen von Bedauern in der Stimme.

Stattdessen sagte er: „Ich hätte gerne einen Stift."

Der Weltengeist reichte ihm den Tintenfüller, den Heinrich seit Jahren auf dem Schreibtisch liegenließ, ohne ihn je zu benutzen. Er nahm ihn. Er unterzeichnete — nicht auf Papier, auf nichts Sichtbarem, aber er spürte den Moment, als seine Zustimmung sich irgendwo einschrieb, in einer Substanz jenseits von Papier, in dem Material, aus dem Verbindlichkeiten gemacht werden.

Der Weltengeist lächelte.

„Gut," sagte er. „Ich hoffe, Sie finden interessant, was Sie suchen."

Und dann begann die Welt zu verschwinden.

Nicht dramatisch. Kein Licht, kein Donner. Einfach so, als würde jemand den Kontrast des Raumes langsam herunterdrehen. Der Schreibtisch. Die Bücher. Das orangefarbene Licht der Laterne durch das Fenster. Der Faust mit den Bleistiftanmerkungen seines Vaters, die er gerade, eben jetzt, in diesem Moment, zum letzten Mal sah, obwohl er das noch nicht wusste.

Er versuchte, nach der Kaffeetasse zu greifen.

Er griff ins Nichts.

Dann griff die Kälte zu, dann das Licht, dann ein Geräusch wie tausend Frequenzen gleichzeitig — nicht Schmerz, aber auch nicht das Gegenteil von Schmerz — und Heinrich Valerian, Professor für theoretische Physik und klassische Literatur an der Universität Heidelberg, hörte auf zu existieren an dem Ort, wo er aufgehört hatte zu atmen.

Er begann woanders.

Er begann mit einem Schrei.

Der Schrei gehörte nicht ihm — oder er gehörte ihm, aber er hörte ihn von außen, als würde sein Bewusstsein den Körper erst in Raten einholen. Dann kamen die Sinne mit der Gewalt einer Druckwelle: Staub im Mund, Betongeruch, Verbranntes, und darunter etwas Fremdes, Metallisches, wie kein Geruch, den er je zuvor geatmet hatte. Hitze. Licht. Ein Licht, das nicht von Lampen kam.

Er lag auf dem Boden.

Konkreter: Er lag auf dem Rücken auf etwas, das bis vor kurzem ein Fliesenboden gewesen war und jetzt ein Haufenwerk aus zerbrochenen Fliesen und Stahlträgern war. Über ihm — wo Decke hätte sein sollen — war ein Loch. Durch das Loch fiel Licht. Nicht Tageslicht. Ein blau-weißes Pulsieren, energetisch, fordernd, das im Rhythmus von Explosionen zu atmen schien.

Explosionen.

Er hörte Explosionen.

Er setzte sich auf — oder versuchte es; der Körper war noch nicht vollständig darüber informiert, dass Aufsetzen aktuell die Agenda war — und sein Mantel fiel ihm um die Schultern wie ein treuer Idiot, der als einziger den Sprung zwischen den Welten überstanden hatte. Braunes Tweed, Heidelberg-Konferenz 2018, jetzt begraben unter Betonstaub.

Er schluckte. Der Geschmack von Kaffee, kalt und bitter, hinterließ sich als letzter Gruß aus einem anderen Leben.

„Gut," sagte er zu sich selbst, auf Deutsch, weil es das Einzige war, was er in diesem Moment hatte. „Dann also." Er hustete. „Also dann."

Über ihm explodierte etwas, und das Gebäude, was immer von ihm übrig war, stöhnte.

Die Schreie kamen von überall. Englisch, mit amerikanischem Akzent — Befehle, militärisch, kurzangebunden. Dann ein Ton, den er noch nie gehört hatte: ein Hochfrequenzpfeifen, das mit einem blauen Blitz endete, der durch das Loch über ihm jagte und in der Wand dreißig Meter entfernt ein Loch hinterließ, als würde Realität nicht aus Materie bestehen, sondern aus Suggestion.

Heinrich betrachtete das Loch in der Wand.

Er betrachtete seine Hände. Er war unverletzt — oder nur leicht verletzt, Abschürfungen, Staub in den Augenwinkeln.

Er betrachtete die Tintenmuster auf seinen Handflächen, die er nicht erklären konnte und die aussahen wie die Muster, die auf dem Schreibtisch getrocknet waren, vor zehn Minuten, vor einem Jahrzehnt, vor einem Leben.

„Ein S.H.I.E.L.D.-Stützpunkt," sagte er leise, und seine Stimme klang sehr klein unter den Explosionen. „Unter Kree-Beschuss. Natürlich." Er hustete noch einmal. „Natürlich beginnt es so."

Über ihm riss eine Betonplatte aus ihrer Verankerung. Sie fiel.

Heinrich schloss die Augen.

Die Platte fiel nicht auf ihn.

Sie hörte auf zu fallen. Nicht langsam — nicht mit dem sanften Verzögern des Filmschnitts. Sie hörte einfach auf, in einer Hand, die so lässig darunter griff wie jemand, der eine Kaffeetasse vom Tisch nimmt. Eine Frauenhand. Handschuhe. Goldene Naht am Handgelenk.

Er öffnete die Augen.

Sie warf die Platte zur Seite. Ton wie Donner.

Dann schaute sie auf ihn herunter — und die Augen hinter der Maske hatten eine Farbe, die er im Deutschen als entschlossen beschrieben hätte und im Lateinischen als impatiens, und die für einen Moment an den Rändern leuchteten, blau-weiß und fordernd wie das Licht, das durch die Löcher im Gebäude fiel.

„Können Sie laufen?" fragte sie.

Ihre Stimme klang wie Befehle, die keine Antwort brauchten.

„Technisch gesehen," antwortete Heinrich Valerian, aus dem Staub eines anderen Universums, „wäre das eine empirische Frage."

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