Der Regen fiel schon seit Stunden auf die Dachziegel des Hauses, und Heinrich Faust hörte ihm zu, wie man einem alten Streit zuhört – gleichmäßig, unausweichlich, ohne Hoffnung auf Auflösung.
Er saß nicht an seinem Schreibtisch. Er kniete davor, auf dem persischen Teppich, der seit zwanzig Jahren die Abnutzungsspuren seiner Gedankenlosigkeit trug. Unter seinen Knien lagen zwei aufgeschlagene Bände: links Leibniz, rechts ein tibetisches Manuskript in einer Schrift, die kein Universitätskatalog führte. Zwischen seinen Fingern – die Rechte, die Schreibhand, die tintenschwärze, unruhige – hielt er einen einzelnen Zettel. Darauf stand, in seiner eigenen Handschrift, eine einzige Frage.
Was bleibt?
Nicht rhetorisch gemeint. Nicht als Gedankenexperiment. Als Bilanz.
Er war zweiundsechzig Jahre alt. Er hatte, nach allen menschlichen Maßstäben, ein außerordentliches Leben geführt. Mit vierundzwanzig hatte er seine erste Dissertation eingereicht – über die quantenmechanischen Implikationen des Schönheitsbegriffs bei Kant – und den Prüfungsausschuss in ein Schweigen versetzt, das er damals für Bewunderung gehalten hatte. Später erkannte er es als Ratlosigkeit. Dasselbe Schweigen hatte ihn sein Leben lang begleitet.
Er sprach siebenzehn Sprachen, acht davon mit muttersprachlicher Präzision. Er hatte Feldtheorien entwickelt, die drei Jahrzehnte später von anderen patentiert worden waren, weil er die Formulare nie ausgefüllt hatte. Er kannte Sanskrit-Grammatik und die Thermodynamik schwarzer Löcher und die melodische Struktur der späten Beethoven-Quartette mit der gleichen vertrauten Intimität, mit der andere Menschen ihre Straßen kennen.
Und heute Nacht, um drei Uhr fünf im September, in diesem Arbeitszimmer, das nach altem Papier und abgekühltem Kaffee und dreißig Jahren wissenschaftlicher Einsamkeit roch, hatte er diese Frage auf einen Zettel geschrieben. Und keine einzige seiner siebzehnsprachigen Bibliotheken, die sich ringsum bis zur Decke türmten, konnte sie beantworten.
Er ließ den Zettel fallen. Er beobachtete, wie er lautlos auf den Teppich sank, wie er zwischen Leibniz und dem tibetischen Manuskript zu liegen kam, wie er dort aussah – winzig, weiß, beschämt.
Es gab ein Buch, das er nie aufgeschlagen hatte. Nicht weil er es nicht kannte – er kannte es besser als irgendjemanden, hatte es in der Originalhandschrift studiert, in zwölf Übersetzungen verglichen, dreimal über seine Rezeptionsgeschichte publiziert. Sondern weil es ihn anschaute.
Goethe. Faust. Der erste Teil lag auf der linken Seite des Schreibtischs, wo es seit Jahren lag, als ordentliche Warnung oder als Spiegel – er hatte nie entschieden, was es war.
Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Er murmelte es nicht. Er dachte es nicht. Es war einfach da, in seinem Kopf, in Goethes eigenem Metrum, und es hatte in den vergangenen vier Jahrzehnten auf genau diesen Moment gewartet.
Da stehe ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.
Heinrich Faust – der echte, der lebendige, der auf einem Teppich kniende – lachte. Es war kein schönes Lachen. Es war das Geräusch, das eine Maschine macht, wenn sie nach langem, lautlosem Defekt zum ersten Mal auseinanderfällt.
Er erhob sich. Seine Knie schmerzten; er bemerkte es kaum. Er trat an das Fenster und sah auf die Heidelberger Altstadt hinunter, auf die nassen Kopfsteine, auf die Brücke, auf den Neckar, der in der Dunkelheit schwarz und schwer lag wie flüssiges Blei. Irgendwo drüben, jenseits des Flusses, schliefen zehntausend Menschen, die morgen aufwachen, Kaffee trinken und ihre bescheidenen, konkreten Leben weiterführen würden. Er beneidete sie mit einer Heftigkeit, die ihn überraschte.
Wann hatte er zuletzt geschlafen? Nicht diese Nacht. Nicht die letzte. Vielleicht Dienstag – er war nicht sicher.
Er wandte sich um. Sein Blick fiel auf das Regal hinter dem Schreibtisch, das zweite von links, das er das Sonderregal nannte, obwohl er es nie so nannte, nicht laut. Dort, zwischen einem Manuskriptband über kabbalistisches Vertragsrecht und einem schmalen chinesischen Kommentar zu einem Text, den die Sinologie offiziell nicht anerkannte, stand ein scheinbar gewöhnlicher Oktavband in schwarzem Leder. Ohne Titel auf dem Rücken. Ohne Autor. Er hatte ihn vor siebenundzwanzig Jahren in einer Auktion erstanden, anonym, und seither nie geöffnet.
Er wusste, was darin stand. Er hatte in drei anderen Archiven Abschriften gelesen, jeweils fragmentarisch, jeweils in Sprachen, die die Abschreiber selbst offenbar nicht vollständig beherrschten. Er wusste, was die Formeln bedeuteten, und er wusste, was sie auslösten, wenn man sie in der richtigen Reihenfolge und mit der richtigen Präzision aussprach, allein, nachts, an einem Ort, der von langer Geistestätigkeit gesättigt war.
Vierzig Jahre hatte er das Buch stehen lassen.
Er nahm es jetzt.
Das Leder war kalt – kälter als das Regal, kälter als die Raumtemperatur es erlaubte. Er registrierte das mit dem abgestumpften Interesse eines Mannes, den schon zu lange nichts mehr wirklich überraschte. Er trug das Buch zum Schreibtisch, räumte mit einem einzigen Arm den Platz frei – Leibniz, der tibetische Band, drei Tassen, ein halbfertiges Manuskript über topologische Feldtheorien – alles landete auf dem Boden, mit Geräuschen, die er nicht hörte.
Er öffnete das Buch.
Die erste Seite war leer. Die zweite trug das Invokationsformular in einer Schrift, die aussah wie Mathematik und sich wie Sprache las – oder umgekehrt. Er kannte jedes Zeichen. Er hatte sie jahrzehntelang in seiner Erinnerung aufbewahrt wie vergiftete Diamanten, mit der doppelten Vorsicht des Mannes, der weiß, was er hält.
Er las es einmal durch. Dann noch einmal. Dann, mit der Sorgfalt, die er in siebenzehn Sprachen Abschlussarbeiten korriegiert hatte, sprach er es aus.
Nicht laut. Nicht flüsternd. In jenem mittleren Ton, in dem Professoren sprechen, wenn sie etwas Präzises sagen und sicherstellen wollen, dass kein Wort missverständlich ist.
Die Stille, die folgte, war nicht die Stille des Schweigens.
Es war eine andere Art: die Stille, in der ein Satz zur Hälfte hängt, wo die Gleichung auf beiden Seiten noch nicht ausgeglichen ist, wo die Luft aufgehört hat, ein neutrales Medium zu sein. Heinrich kannte diese Stille aus Laboren, in dem Moment, bevor ein Experiment entweder bestätigt oder widerlegt wird. Jetzt war sie größer. Jetzt füllte sie das ganze Zimmer, das ganze Haus, und er hatte das seltsame Gefühl, sie fülle auch den Regen.
Er wartete.
Kein Feuer. Kein Schwefel. Kein Theatralik, die er aus der Literatur kannte und immer für das Zugeständnis der Erzähler an menschliche Erwartungen gehalten hatte.
Stattdessen: eine Veränderung im Raum, die er nicht mit den Augen, sondern mit dem Teil des Verstandes wahrnahm, der für Anomalien zuständig ist. Als ob etwas, das nicht im Zimmer gewesen war, nun – ohne sich durch die Tür bewegt zu haben, ohne irgendeinen Übergang, der sich hätte beschreiben lassen – anwesend war.
Es hatte keine Form. Oder vielmehr: es hatte zu viele. Heinrich, der in Physik und Philosophie gleichermaßen zu Hause war, fand keinen Begriff für das, was er sah, außer dass er an Superpositionszustände dachte – an Quantensysteme, die sich weigern, eine definite Eigenschaft anzunehmen, solange niemand misst. Als er es ansah, kollabierte die Wahrscheinlichkeitswolke, aber nicht zu etwas Vertrautem.
Der Eindruck war, annäherungsweise: sehr alt. Älter als die Kategorie alt. Äußerst ruhig.
Als es sprach – und es sprach nicht mit Schall, sondern mit einer Verstehbarkeit, die sich direkt in Heinrichs semantische Verarbeitung einschrieb, unter Umgehung der Akustik – klang es wie die Antwort auf eine Frage, die noch nicht gestellt worden war.
Du weißt, wer ich bin.
Es war keine Frage.
Heinrich schob seine Brille zurecht. Es war eine vollständig absurde Geste, und er wusste es, aber siebenzehn Sprachen hatten ihn gelehrt, dass man in extremen Momenten auf eingeübte Handlungen zurückgreift.
„Mephisto-Nexus", sagte er. „Nicht der Teufel der Theologen. Nicht der Verführer der Märchen. Eine kosmische Entität vorthermodynamischer Herkunft. Du ernährst dich von Potential und Entropie – genauer: von der Lücke zwischen dem, was ein Geist anstrebt, und dem, was er erreicht. Du sammelst Seelen nicht aus Bosheit, sondern als ein Wissenschaftler Exemplare sammelt."
Eine Pause. Die Stille pulsierte einmal, als hätte etwas gezwinkert.
Sehr genau.
„Ich habe gründlich recherchiert."
Das weiß ich. Du hast vierzig Jahre damit verbracht, mich zu verstehen, bevor du mich riefst. Das ist bemerkenswert. Die meisten, die diese Formel kennen, rufen mich entweder aus Verzweiflung an, ohne sie zu begreifen, oder aus Neugier, ehe sie bereit sind. Du hast beides übersprungen.
„Ich war nie bereit." Heinrich legte die Hände flach auf den Schreibtisch. Eine Geste, die er unbewusst machte, wenn er eine Lösung akzeptierte, die er nicht mochte. „Ich bin es immer noch nicht. Aber ich bin fertig damit, es zu verweigern."
Der kosmische Verstand – die Entität, die keinen Namen brauchte, den Heinrich ihr nicht bereits gegeben hatte – schien das abzuwägen, mit der Mühe eines Wesens, das es gewohnt ist, Prozesse über Äonen zu beobachten und auf Sekunden herunterzurechnen, wenn es nötig ist.
Dann sprich aus, was du willst.
Heinrich schloss die Augen. Nicht um zu beten. Um die Formulierung zu prüfen, wie er jede wichtige Formulierung prüfte: auf Präzision, auf Lücken, auf das, was ausgesprochen und was verschwiegen werden sollte.
„Ich will verstehen." Er öffnete die Augen. „Nicht wissen – das reicht nicht mehr. Verstehen. Die Struktur des Ganzen. Die Physik und das Metaphysische und das, was zwischen beiden liegt und sich keinem Kategoriesystem fügt. Ich will den Blick, der hinter die Gleichungen sieht."
Er pausierte. Die Stille wartete.
„Und die Kraft, mit dem umzugehen, was ich finde."
Die Bedingungen sind dir bekannt.
„Ja."
Dann höre sie dennoch.
Die Formulierung war keine Pedanterie. Sie war das, was ein Jurist tut, der weiß, dass sein Gegenüber den Vertrag kennt, ihn aber trotzdem Wort für Wort vorliest. Für die Akten. Für das Protokoll. Für das kosmische Äquivalent von Zeugen.
Was ich gebe, ist real. Weisheit ohne Grenzen, soweit menschliche Kognition ihre Last trägt. Kraft, die aus dem Pakt selbst gespeist wird. Zugang zu einem Universum, das reicher und seltsamer ist als das, in dem du dich befindest. Du wirst in einer anderen Welt abgesetzt – eine, in der Götter unter Menschen wandeln und der Kosmos seinen Krieg auf eurem Pflaster austrägt. Der Preis: deine Seele, fragmentweise. Nicht auf einmal. Mit jeder Tat übernatürlicher Kraft wird ein Stück dich gelöst, destilliert, zu meinem abgeführt. Du stirbst nicht. Aber du wirst weniger.
„Fragment für Fragment." Heinrich hörte sich selbst die Worte wiederholen. Er hatte sie erwartet und fand sie trotzdem brutaler, als er vorbereitet war.
Fragment für Fragment. Und mit jedem Fragment verlierst du ein wenig von dem, was dich menschlich macht. Ob Verstand, ob Mitgefühl, ob das Verhältnis, das du zur Zeit hast – das ist nicht vorhersagbar. Das ist der einzige Teil, über den ich keine Kontrolle habe.
„Das macht es schlimmer."
Ja.
„Du bist bemerkenswert ehrlich für ein Wesen deiner Art."
Ich lüge nie. Ich habe es nie nötig gehabt.
Heinrich stand auf. Er trat zum Fenster zurück, sah wieder auf den Neckar hinunter, sah das Regenwasser, das die Kopfsteine glänzen ließ wie schwarze Spiegel. Er dachte an Goethe. Er dachte an den echten Faust der Legende, der das Gleiche versucht und das Gleiche verloren hatte. Er dachte an jeden, der je in dieser Lage gestanden hatte, in jedem Text, in jeder Tradition, die er kannte.
Alle hatten gewarnt. Keiner hatte es unterlassen.
Er drehte sich um.
„Ich unterschreibe."
Das Buch auf seinem Schreibtisch öffnete sich von selbst. Nicht dramatisch – es war eher wie das Öffnen einer wissenschaftlichen Zeitschrift: zielgerichtet, klinisch, ohne Aufhebens. Die letzte Seite war blank. Ein Griffel – kein Stift, kein Bleistift, etwas dazwischen – lag darunter, als hätte er immer dort gelegen.
Heinrich trat an den Schreibtisch, nahm den Griffel auf. Er schrieb seinen Namen in seiner gewöhnlichen Handschrift, die immer zu klein war und zu dicht gedrängt. Er setzte das Datum darunter: den achten September. Die Uhrzeit: drei Uhr vierzehn.
Er legte den Griffel zurück.
Das Schweigen der Entität änderte sich. Wurde dichter. Wurde vollständig.
Und dann explodierte die Welt.
Nicht mit einem Knall. Mit Stille in umgekehrter Richtung – als würde alles Geräusch nach innen gesaugt, und der Punkt, zu dem es gesaugt wird, ist er selbst. Heinrich öffnete den Mund und hörte sich keinen Laut machen. Er sah das Zimmer auseinanderfallen – nicht in Scherben, sondern in Bedeutungen, als würde jedes Objekt seinen semantischen Zusammenhalt verlieren und in reiner Materie aufgehen. Die Bücher. Die Tassen. Der persische Teppich mit seinen zwanzig Jahren Gedankenlosigkeit.
Dann sah er das andere Universum.
Es war nicht schön im konventionellen Sinne. Es war ungeheuerlich. Zwischen den Dimensionen, in dem Moment des Transports, sah er Strukturen, für die er keine Sprache hatte und auf die er dennoch sofort Formeln anwenden konnte – topologische Beziehungen jenseits der drei Raumdimensionen, kausal verknüpfte Ereignishorizonte, die sich wie Fäden durch die Zeit zogen und an Knotenpunkten Wesen entließen, die er flüchtig erkannte: Einen metallischen Mann in roter Rüstung, hoch oben über einer Skyline. Eine blaue Hand, die nach etwas griff. Eine Frau, die leuchtete wie ein Stern, der beschlossen hatte, aufrecht zu gehen.
Dann landete er.
Hart. Auf Asphalt, der nass war und nach Brand roch und nach dem Beißenden von etwas, das keine normale Chemie kannte. Er rollte, instinktiv, obwohl er sich in seinem Leben nie hatte rollen müssen, und sein Ellbogen schlug gegen Metall, und er lag auf dem Rücken und sah nach oben in eine New Yorker Nacht, die orange war von Lichtverschmutzung und grün von einem Feuer, das die falsche Farbe hatte.
Er lag für drei Sekunden still.
Der Schmerz in seinem Ellbogen war real. Der Geruch war real. Der Asphalt unter seinen Schulterblättern war real. Er inventarisierte diese Fakten mit der hastigen Sorgfalt eines Mannes, der weiß, dass er in Schock ist, und der Schock durch Empirie bekämpft.
Heidelberg war weg. Das Zimmer war weg. Der Neckar war weg.
Stattdessen: ein Hinterhof in Lower Manhattan, eingefasst von Brandmauern, erleuchtet von dem grünen Feuer, das aus einem umgekippten Fahrzeug schlug. Und Gestalten – er zählte sieben, alle in Rüstungen, deren Design er sofort identifizierte, weil er während des Transports bereits mit Wissen ausgestattet worden war wie ein Schiff mit Ballast: Skrull. Formwandler. Außerirdische Soldaten, die für imperiale Aufklärungsmissionen eingesetzt wurden und Stadtgebiete bevorzugten, wo die Zivilbevölkerung die Tarnung bereitstellte.
Sie hatten ihn noch nicht bemerkt.
Ihre Aufmerksamkeit galt einer anderen Gestalt, die am Ende des Hinterhofs stand, den Rücken gegen einen Gitterrost gedrängt, und strahlendes goldweißes Licht von den Händen aus in alle Richtungen schleuderte, das jedoch gegen die Energieabsorber in den Skrull-Rüstungen kaum Wirkung zeigte.
Sie war einen Kopf kleiner als die Skrulls, die sie umzingelten. Sie stand wie jemand, der keinen Schritt zurückweicht – nicht aus Sturheit, sondern weil Zurückweichen für sie schlicht nicht als Option registriert wurde. Ihr Haar war kurz, ihr Gesicht war der Definition nach unerschrocken und gleichzeitig, erkannte Heinrich in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem das Gehirn mehr verarbeitet als das Bewusstsein zulässt, absolut wütend.
Ein Skrull warf etwas. Ein Dämpfungsfeld – er identifizierte die Technologie aus Informationen, die sich in seinem Verstand auftaten wie Seiten, die sich von selbst umblättern. Die Frau taumelte. Das Licht an ihren Händen flackerte.
Heinrich stand auf.
Er tat es nicht heroisch. Er tat es mit der mechanischen Entschlossenheit eines Mannes, dem noch keine Alternative eingefallen ist, aber der sich sicher ist, dass er nicht auf dem Boden liegen bleiben wird.
Er sah den Hinterhof. Er sah die Skrulls. Er sah die Frau. Er sah die Brandmauer links, an der ein Verteilerschrank hing, halb offen, mit Kabeln, die nach dem Feuer freigelegt worden waren. Er sah das Muster, in dem die Skrulls standen – konvex, der Frau zugewandt, die Flanken ungedeckt –, und er sah das Kanalrohr hinter der mittleren Einheit, das feucht war, und das Metalldach des umgekippten Fahrzeugs, das in einem Winkel lehnte, der es zum Reflektor machte.
Er brauchte ungefähr zwei Sekunden für die Geometrie.
Er griff in seinen Mantel – er trug noch seinen Mantel, den grauen Tweed, den er im Seminar trug, der nach dem Transport seltsam unversehrt war – und fand, was er dort immer fand: einen Kugelschreiber und die Kappe davon, getrennt.
Er warf die Kappe in Richtung des Verteilerschranks. Sehr präzise. In einen Winkel, der keinen Lärm machte, aber die freiliegenden Kabel berührte, die den Stromkreis schlossen, den das Feuer geöffnet hatte.
Der Verteilerschrank entlud sich.
Nicht in die Skrulls. In das Kanalrohr, durch das Wasser, das wiederum das Metalldach des Fahrzeugs erreichte und die Energieabsorber an zwei Außenrüstungen kurzschloss, die keinen isolierten Stand hatten.
Gleichzeitig rief er – nicht geschrien, gerufen, in dem Ton, mit dem er im Hörsaal eine Lösung ankündigte, die noch nicht auf der Tafel stand: „Drei Schritte nach links und aufwärts. Jetzt."
Er hatte keine Möglichkeit zu wissen, ob sie es hören würde. Er hatte keine Möglichkeit zu wissen, ob sie ihm gehorchen würde. Er wusste nur, dass das Muster der Kräfte, wenn sie sich so bewegte, die zwei kurzgeschlossenen Skrulls in die anderen drei treibt, und der daraus entstehende Aufprall sechs von sieben aus dem Gleichgewicht bringt, und in den zwei Sekunden, die das kostet, kann die siebte entkommen oder den siebten niederstrecken, ganz nach Belieben.
Die Frau tat es.
Nicht weil sie verstand, warum. Hinterher würde er das sehen, in der Art, wie sie ihn ansah – die Verwunderung darüber, dass sie es getan hatten, ohne zu überlegen. Aber in dem Moment machte sie es einfach: drei Schritte nach links, ein Sprung aufwärts, den sie mit dem goldweißen Licht unterstützte, und die Mechanik des Hinterhofs erledigte den Rest.
Die sechs Skrulls gingen zu Boden. Der siebte – der letzte stehende – bekam eine Faust in das Gesicht, die von ihr kam wie etwas Abschließendes, wie das letzte Wort in einem Satz.
Stille.
Dann das Knistern des falschen grünen Feuers.
Dann ihre Stimme: „Was zur Hölle."
Sie stand acht Meter von ihm entfernt und sah ihn an, mit dem Ausdruck eines Menschen, der gerade entschieden hat, ob er dankbar oder misstrauisch ist, und beides verloren hat.
Heinrich schob die Brille zurecht. Er stellte fest, dass das Glas gesprungen war – irgendwann während des Aufpralls, unbemerkt, eine diagonale Kerbe durchs linke Glas.
„Heinrich Faust", sagte er. „Theoretische Physik und klassische Philosophie. Heidelberg, bis vor etwa" – er sah auf seine Uhr, deren Zeiger stillstand – „fünf Minuten."
Sie blinzelte.
Er fuhr fort, weil er merkte, dass Schweigen hier keine sinnvolle Option war und außerdem seine Knie wieder schmerzten: „Sie haben eine konvexe Aufstellung gewählt, die ihre Rückflanken ungeschützt ließ. Ich habe die städtische Elektrizitätsinfrastruktur als Leiter benutzt und den Aufprall geometrisch ausgenutzt. Clausewitz nennt das Prinzip die konzentrische Kraft auf einem dezentralen Gegner – ich finde die Formulierung ein wenig ungenau, aber das Ergebnis hält."
Die Frau sah ihn an, als würde sie erwägen, ihn zu schlagen.
„Ich bin kein Feind", sagte er, jetzt etwas ruhiger. „Ich bin auch kein Freund, genaugenommen – wir kennen uns nicht. Ich bin ein Fremder in dieser Stadt, in dieser Situation und in diesem Universum. Ich habe Ihnen trotzdem geholfen, weil die Alternative, nicht zu helfen, sich mir nicht als Option dargestellt hat."
Eine lange Pause.
Irgendwo über ihnen, im orangegrauen Himmel von Manhattan, summte etwas – ein Flugzeug, ein Gleiter, irgendetwas mit Rotoren oder Strahltriebwerken. Der Regen hier war leichter als in Heidelberg, aber er war da. Er klopfte auf die Brandmauer und auf die umgekippten Skrull-Rüstungen und auf Heinrichs Tweedmantel, der jetzt definitiv nicht zu retten war.
Die Frau ließ die Hände sinken, das goldweiße Licht verlosch, und sie sah ihn an, mit Augen, die Blau waren auf eine Art, die nicht ausschließlich eine Farbangabe war.
„Carol Danvers", sagte sie schließlich. Kein freundlicher Ton. Kein feindseliger. Der Ton von jemandem, der Informationen gibt, weil Information die einzige Währung ist, die sie anbieten will.
Heinrich nickte. Es schien das Angemessene zu sein.
In der Ferne – nicht so fern – begann irgendetwas Elektronisches zu piepen, mit dem Rhythmus einer Behörde, die einen Vorfall registriert hatte und nun auf dem Weg war, ihn zu verwalten.
Heinrich Faust sah die umgekippten Wächter, das falsche Feuer, den New Yorker Nachthimmel, und die Frau, die ihn ansah wie ein Problem, das sie noch nicht klassifiziert hatte.
Er dachte, fast gegen seinen Willen: Vielleicht fängt hier irgendetwas an.
Dann verbesserte er den Gedanken, weil er präzise sein musste: Hier fängt etwas an. Die Frage ist nur, was es kostet.
Er wusste die Antwort bereits. Er hatte sie, in der eigenen Handschrift, auf einen Zettel geschrieben und einen Griffel dazu genommen und unterschrieben.
Er schob die Hände in die Taschen des ruinierten Tweedmantels. Er stand im Regen in einem Hinterhof in Lower Manhattan, viertausend Kilometer von Heidelberg und sechzig Jahre von seiner Promotion entfernt, und wartete darauf, was als nächstes passieren würde.
Es war, dachte er, zumindest keine leere Frage mehr.