Chapter 1: The Watcher at the Edge of the Abyss

Der Regen hatte seit dem Nachmittag nicht aufgehört.

Fabian Hölderlin stand am Fenster des Lesesaals und beobachtete, wie die Tropfen die Scheibe hinabglitten — erst einzeln, dann in kleinen Strömen, die sich zu größeren verbanden und schließlich in nichts zerflossen. Drei Uhr fünfzehn. Die Bayerische Staatsbibliothek war um diese Zeit so still, dass er seinen eigenen Herzschlag zu hören glaubte, und er dachte: Es ist seltsam, wie laut Einsamkeit ist.

Hinter ihm stapelten sich Bücher auf dem Eichentisch. Primärquellen, Sekundärliteratur, Randnotizen in vier Sprachen — das Sediment von vierzehn Jahren akademischer Arbeit, aufgeschichtet wie geologische Schichten über dem einen Manuskript, das ihm noch geblieben war. Seine kommentierte Ausgabe des Faust, der zweite Teil, die Seiten so dicht beschrieben, dass Goethes ursprünglicher Text kaum noch zu erkennen war unter den Lagen seiner eigenen Handschrift. Marcus hatte immer gesagt, Fabian schreibe in Büchern wie ein Besessener, der fürchtet, der Text könne davonlaufen.

Marcus Berger. Sein Forschungspartner seit elf Jahren. Seit drei Monaten: ein Name auf einem Grabstein in Schwabing.

Fabian wandte sich vom Fenster ab.

Er hätte nicht hier sein sollen. Die Bibliothek schloss um zweiundzwanzig Uhr; er hatte die Seiten versteckt, die Lichter im Nebenraum ausgeschaltet und gewartet, bis die Wachleute ihren letzten Rundgang beendet hatten. Es war keine Einbrecherei im technischen Sinne. Es war eher das, was er als verzweifelte Inanspruchnahme eines alten Rechtes bezeichnen würde — er hatte mehr Stunden in diesen Räumen verbracht als die meisten Menschen in Jahrzehnten, und die Bibliothek gehörte ihm in jener Art, in der Orte Menschen gehören, die sie mehr geliebt haben als ihre eigenen Wohnungen.

Die Uni hatte ihm den Schlüssel entzogen. Den institutionellen Schlüssel, den Zugangscode, das Büro im dritten Stock. Nicht offiziell — es gab keine offizielle Kündigungsurkunde, keine förmliche Entlassung. Nur das langsame, klinische Verschwinden seiner Unterschrift von Formularen, seiner Emailadresse aus Verteilern, seines Namens aus dem Vorlesungsverzeichnis. Als hätte das Institut ihn nicht gefeuert, sondern einfach aufgehört, ihn wahrzunehmen.

Der Auslöser war ein Brief gewesen.

Er hatte — in einer Kombination aus Trauer und Zorn, die er rückblickend als schlecht beraten bezeichnen würde — dem Dekan geschrieben, dass Marcus Bergers Tod keine zufällige Herzattacke gewesen sei, sondern die direkte Folge eines Forschungsprojekts, das die Uni auf unethische Weise finanziert und dann schweigend begraben hatte. Er hatte Dokumente beigefügt. Er hatte Namen genannt. Er hatte Goethe zitiert, was vermutlich ein Fehler gewesen war, weil Dekane wenig Geduld für Faust-Referenzen aufbrachten, wenn sie gerade juristischen Beistand erwogen.

Das Ergebnis war, dass Marcus immer noch tot war und Fabian nun auch akademisch.

Er setzte sich an den Tisch und schlug das Manuskript auf. Seite dreiunddreißig. Fausts erster Monolog — die Stelle, die er am häufigsten zitierte, oft ohne es zu merken, wie man alte Lieder summt, ohne die Entscheidung bewusst zu treffen:

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Er murmelte die Zeilen leise, mehr Atemzug als Stimme. Sein eigenes Kommentar am Rand der Seite lautete, in der winzigen Schrift seiner frühen Dreißiger: Faust beklagt nicht das Versagen der Erkenntnis — er beklagt, dass sie ihn nicht gerettet hat. Wissen und Weisheit sind verschiedene Währungen.

Das hatte er vor zwölf Jahren geschrieben.

Er wäre gerne anderer Meinung gewesen.

Draußen rollte ein Donner über die Dächer der Stadt, träge und fern, wie jemand, der nicht wirklich zuhört. Das Licht der Schreibtischlampe — er hatte eine mitgebracht, batteriebetrieben, ein lächerliches orangefarbenes Ding — warf seinen Schatten an die Bücherwände. In den Regalen rechts von ihm standen die ersten Auflagen, hinter Glas, unberührbar: Schiller, Kleist, Goethe natürlich, und weiter hinten die älteren Texturen, die Inkunabeln in ihren Lederschutzhüllen wie schlafende Tiere.

Er liebte diesen Raum. Er hatte ihn immer geliebt. Und jetzt saß er darin wie jemand, der in das Haus seiner Kindheit eingebrochen ist, weil er nirgendwo sonst hinwollte.

Der erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, war die Stille.

Nicht das Fehlen von Geräuschen — das war normal, das war erwartet. Es war eine Stille, die aktiver war als ihre Abwesenheit. Als würde der Raum den Atem anhalten. Als würden die Bücher lauschen.

Fabian hob den Kopf.

Er saß ihm gegenüber.

Er war einfach da. Nicht eingetreten — nicht durch die Tür, nicht durch das Fenster. Einfach da, als hätte er immer dort gesessen, jenseits der Schreibtischlampe, im Schatten, der zwischen den Regalen stand wie stehendes Wasser. Ein Mann — oder etwas, das die Form eines Mannes gewählt hatte mit der Sorgfalt eines Gelehrten, der die korrekte Ausgabe aus dem Regal nimmt. Älter, auf eine Weise, die kein konkretes Alter anzeigte. Gekleidet in etwas, das Fabian nur vage als Kleidung registrierte, weil seine Aufmerksamkeit unwillkürlich auf die Augen gezogen wurde.

Die Augen sahen aus wie Sternenkarten.

Nicht metaphorisch. Fabian Hölderlin war Literaturwissenschaftler, er kannte den Unterschied zwischen einer Metapher und einem Befund. Die Augen des Wesens enthielten Licht — kleines, ruhiges, absolut unbewegtes Licht, wie Sterne durch Teleskopglas, wie die Muster, die man sieht, wenn man zu lange in Dunkelheit geblickt hat. Es war kalt, dieses Licht, aber nicht feindselig. Es war die Kälte von sehr großen Entfernungen.

Fabian sagte: "Sie sind entweder ein Einbrecher oder etwas erheblich Merkwürdigeres."

"Ich bin", sagte das Wesen, mit einer Stimme, die tief war und leise und auf eine schwer beschreibbare Weise überall gleichzeitig zu klingen schien, wie der Nachhall in einem leeren Konzerthaus, "erheblich Merkwürdigeres."

Es neigte den Kopf, ein Grad. Als würde es Fabian mit einem Interesse betrachten, das über bloße Neugier hinausging — das Interesse eines Uhrmachers an einem besonders komplizierten Stück.

"Dr. Fabian Hölderlin." Es sprach seinen Namen aus wie jemand, der eine seltene Ausgabe aufschlägt. Langsam. Zuverlässig. "Dreiunddreißig Jahre alt. Drei veröffentlichte Monographien zur Faust-Rezeption im neunzehnten Jahrhundert, alle hochgelobt. Ein unveröffentlichtes Manuskript zur kosmologischen Symbolik in Goethes Zweitem Teil, das bei einem Akademieverlag in der Endprüfung liegt und nach Ihrem jüngsten Brief dort niemals erscheinen wird. Ihr Forschungspartner ist tot. Ihre Karriere ist — lassen Sie mich präzise sein — klinisch tot. Sie sitzen um drei Uhr morgens in einer Bibliothek, in der Sie kein Recht mehr haben zu sein, und lesen Verse, die Sie auswendig kennen." Eine Pause. "Ich finde das bewundernswert."

Fabian blinzelte. "Sie finden das bewundernswert."

"Beharrlichkeit ist selten." Das Wesen verschränkte die Hände auf dem Tisch — Fabian bemerkte erst jetzt, dass es Hände hatte, völlig normale Hände, was irgendwie beunruhigender war als das Gegenteil. "Die meisten Menschen in Ihrer Situation hätten die Bücher weggepackt."

"Ich habe keine andere Stelle." Fabian hörte sich selbst sprechen und registrierte mit einer gewissen distanzierten Neugier, dass er sich nicht sonderlich erschrocken fühlte. Vielleicht war die Erschöpfung zu groß. Vielleicht hatte sein Nervensystem entschieden, dass übernatürliche Erscheinungen um halb vier morgens in einer Bibliothek in der Hierar­chie der aktuellen Probleme nicht die höchste Priorität hatten. "Wer oder was sind Sie?"

"Ich bin alt", sagte das Wesen. "Das ist die kürzeste zutreffende Antwort. Ich bin so alt, dass Ihr Universum — dieses hier, das expandierende, das lautstarme — für mich ungefähr das Alter hat, das für Sie ein Nachmittag hat. Ich habe gesehen, wie Zivilisationen entstanden sind und verschwanden. Ich habe Momente gesammelt." Es deutete auf das Manuskript zwischen Fabians Händen. "Momente wie diesen."

"Momente der Hoffnungslosigkeit."

"Momente der Entscheidung." Die Augen — die Sternkarten — bewegten sich, und Fabian hatte das unklare Gefühl, dass etwas in ihrer Tiefe sich verschob wie Konstellationen, die langsam rotieren. "Die interessantesten Menschen, Dr. Hölderlin, stehen immer an der Schwelle zwischen Vernichtung und Verwandlung. Das ist der Moment, an dem sie tatsächlich sichtbar werden."

Fabian sah auf das Manuskript hinab. Dann wieder auf das Wesen.

"Sie wollen einen Pakt anbieten", sagte er.

Eine sehr kurze Pause. Dann etwas, das möglicherweise Belustigung war — schwer zu sagen bei einem Gesicht, das für menschliche Ausdrücke nicht ursprünglich konzipiert worden zu sein schien.

"Ich vergesse immer, dass Sie ihn bereits kennen. Den Archetypus." Es nickte zu dem Buch. "Wie lange haben Sie Faust studiert?"

"Vierzehn Jahre."

"Dann kennen Sie die Topologie dieses Gesprächs besser als ich."

"Mephistopheles", sagte Fabian, "gibt Faust das, was er will: Erkenntnis, Macht, Erfahrung. Faust gibt Mephistopheles seine Seele. Die Pointe ist, dass Faust nie aufhört, sich zu irren, aber auch nie aufhört, weiter zu wollen — und dass genau das ihn rettet. Nicht die Moral. Die unablässige Bewegung."

"Interessante Lektüre."

"Es ist die übliche Lektüre." Fabian lehnte sich zurück. Der Stuhl knarzte. "Was bieten Sie an?"

Das Wesen — und Fabian dachte, es braucht einen Namen, ich kann nicht weiterdenken ohne einen Namen — öffnete die Hand. Auf dem Tisch zwischen ihnen materialisierte sich etwas: ein Blatt Papier, oder etwas, das wie Papier aussah, obwohl der Stoff schimmerte wie Öl auf Wasser, wie Perlmutt, wie die Innenseite von etwas, das sehr lange gelebt hatte. Text stand darauf, in einer Schrift, die Fabian als Deutsch erkannte, obwohl er bezweifelte, dass Deutsch die Originalsprache war.

Er las.

Er las langsam, weil er gelernt hatte, langsam zu lesen — Akademiker, die schnell lasen, übersahen die Subklauseln, und Subklauseln waren, wo die Welt versteckt lag. Das Dokument war präzise. Es verwendete Begriffe, die er aus juristischen Texten des neunzehnten Jahrhunderts kannte und gleichzeitig aus Theorien über Quantenenergietransfer, die er in einem Nebenfach vor zehn Jahren belegt hatte und die er nun unerwarteterweise relevant fand. Es bot Macht an. Keine Superkraft im vulgären Sinne — es war subtiler: die Fähigkeit, Wissen in Energie zu transformieren, das in ihm aufgespeicherte Wissen von vierzehn Jahren intensivster Forschung in physische Kraft, in Wahrnehmungsschärfe, in etwas, das das Dokument als kinetische Kognitionsmanifestation bezeichnete und das Fabian innerlich als sonderbar bezeichnete.

Der Preis stand in kleinerer Schrift. Nicht weil das Wesen ihn zu verbergen versuchte — dafür war der Text zu klar. Sondern weil kleine Schrift das Gewicht eines Preises präzise kommunizierte.

Erinnerungen. Lebenszeit. Mit jeder Inanspruchnahme der Macht würde er etwas verlieren — Fragmente seiner eigenen Geschichte, und einen Teil des Lebens, das er noch vor sich hatte. Das Dokument sprach von Konvergenzpunkten und Energiebilanzierungen. Es sprach von Kompensation und Austausch. Es sprach nicht von Rückgabe.

Fabian legte das Dokument auf den Tisch.

"Sie transportieren mich woandershin", sagte er. "Das steht in Klausel sieben."

"Eine andere Welt", bestätigte das Wesen. "Verwandt mit Ihrer. Lauter. Erheblich mehr Explosionen pro Quartal."

"Und ich verliere Erinnerungen mit jedem Einsatz der Macht."

"Korrekt."

"Und Lebenszeit."

"Ebenfalls korrekt."

Fabian schwieg. Draußen rauschte der Regen.

Er dachte an Marcus Berger. An das Grab in Schwabing, das er zweimal besucht hatte und dann nicht mehr, weil er nicht wusste, was er sagen sollte, und weil Schweigen an einem Grab sich anders anfühlte als Schweigen anderswo. Er dachte an vierzehn Jahre, die in stapelweise Bücher eingeflossen waren, und an das Ergebnis: eine leere Emailadresse, ein gekündigter Zugangscode, ein unveröffentlichtes Manuskript, das nirgendwo erscheinen würde. Er dachte an die erste Zeile des Faust, die er auswendig kannte wie seinen eigenen Namen:

Habe nun, ach! — Und leider.

Das leider war der entscheidende Partikel. Nicht das Scheitern selbst. Das Staunen, dass es gescheitert war.

"Ich erkenne jeden Fallstrick in diesem Vertrag", sagte er. "Die Subklausel über Akzelerierung in Abhängigkeit von externen Energiequellen. Die Definition von Erinnerungen als nicht spezifizierte Kategorie — was bedeutet, dass Sie entscheiden, was zuerst geht. Die Formulierung lässt offen, ob Lebenszeit linear oder exponentiell entnommen wird."

"Sie sind der erste Unterzeichner", sagte das Wesen — und jetzt war da definitiv etwas in seinem Ton, etwas, das kein Mensch hätte benennen können, aber das Fabian instinktiv als eine Art komplizierter Zuneigung las, die Wissenschaftler für besonders seltene Exemplare empfanden —, "der die Klausel siebzehn überhaupt bemerkt hat."

"Was passiert durch Klausel siebzehn?"

"Nichts, das ich Ihnen jetzt sagen werde."

Fabian sah ihn an.

"Wie heißen Sie?", fragte er.

"Aevum", sagte das Wesen. Zeitlosigkeit. Das lateinische Wort für die Zeit, die nicht Ewigkeit ist und nicht Vergänglichkeit, sondern etwas dazwischen — die Zeit der Engel, hatten die Scholastiker gesagt, die mittlere Zeitlichkeit, die weder beginnt noch endet.

"Aevum." Fabian ließ den Namen im Mund, wog ihn. "Das ist entweder sehr präzise oder sehr theatralisch."

"Beides schließt sich nicht aus."

Fabian sah auf das Dokument. Er sah auf das Manuskript des Faust, seine eigene Schrift über Goethes Schrift, vierzehn Jahre in einer Seite. Er dachte: Ich sitze hier und überlege, ob ich einen kosmischen Pakt unterzeichne, und die absurdeste Tatsache ist nicht der kosmische Pakt, sondern dass ich keine guten Argumente dagegen finde.

Marcus war tot. Die Karriere war tot. Das Manuskript würde nie erscheinen. Und er selbst saß um halb vier morgens in einer Bibliothek, aus der er geworfen worden war, und las Verse, die er kannte, weil er nirgendwo sonst sein konnte.

Er dachte an Fausts zweite Entscheidung — nicht den ersten Pakt, sondern den Moment, in dem Faust, schon wissend, was er verliert, trotzdem weiter will. Die Bewegung. Die unablässige, unmögliche, menschliche Bewegung vorwärts.

Er zog das Dokument zu sich heran.

"Haben Sie einen Stift?", fragte er.

Aevum legte einen auf den Tisch. Schwarz, gewöhnlich, wie ein Kugelschreiber aus einem Universitätsbüro. Fabian hob ihn auf, und das Metall war kalt — nicht unangenehm kalt, sondern die Kälte von sehr alten Dingen, von Stein und Archiv und Sternenlicht, das Jahrmillionen gereist war, um hier anzukommen.

Er unterschrieb.

Die Welt explodierte.

Nicht gewaltsam — das war das Seltsame. Es gab keinen Knall, keine Zerreißung, kein dramatisches Auflösen seiner selbst in Licht und Energie. Stattdessen hatte er das Gefühl, dass der Raum um ihn herum sich entschlossen hatte, ihn loszulassen, wie eine Hand, die einen Gegenstand nicht fallen lässt, sondern ihn einfach aufhört zu halten. Die Bücherwände des Lesesaals verblassten. Die Schreibtischlampe wurde kleiner. Aevum saß noch da — und nun sah Fabian, was er immer gewesen war: riesig auf eine Weise, die nichts mit Körpergröße zu tun hatte, eine Anwesenheit, die Raum nicht füllte, sondern enthielt.

Das letzte, was Fabian sah, war sein Faust-Manuskript auf dem Tisch.

Dann fiel er.

Er fiel aufwärts, oder seitwärts, oder in eine Richtung, für die es in der deutschen Sprache kein Wort gab, durch etwas, das sich nach dem Inneren einer sehr großen Stille anfühlte und dann nach dem Inneren eines sehr großen Lärms, und dann —

Er landete.

Asphalt. Hart, und warm, was er nicht erwartet hatte — warm wie Asphalt im August, obwohl er sich nicht sicher war, welcher Monat es war. Rauch. Der erste Eindruck war Rauch: dicht und chemisch-bitter, nicht der vertraute Geruch von Holz oder Papier, sondern etwas, das nach Metall und Überhitzung roch, nach verbranntem Kunststoff und etwas Organischem darunter, das er nicht identifizieren wollte. Er hob den Kopf.

New York.

Er wusste, dass es New York war, weil die Skyline das Einzige war, das er erkannte — die langen, vertikalen Silhouetten, die er aus Fotografien kannte, obwohl das, was er sah, nicht den Fotografien entsprach. Mehrere Wolkenkratzer rauchten. Auf der Straße, auf der er lag — fünfte Avenue, oder etwas, das ihr ähnlich sah — brannte ein Fahrzeug, das er nicht als irgendeinen existierenden Fahrzeugtyp einordnen konnte. Trümmer überall: Beton, Glas, etwas Metallisches, das in Formen gebogen war, die physikalisch seltsam wirkten.

Und Wesen.

Er brauchte einen Moment, um die Wörter zu finden, und die Wörter, die kamen, waren: keine menschliche Morphologie. Sie flogen — nicht in Flugzeugen, nicht mit Flügeln, sondern auf Maschinen, die sich zwischen den Gebäuden bewegten wie Fische in einem Strom — schnell, koordiniert, mit etwas in den Händen, das alle paar Sekunden aufblitzte und dann war irgendwo ein Einschlag und irgendwo war Feuer.

Ein Kampf, erkannte Fabian. Ich bin in einem Kampf gelandet.

Er stand auf. Seine Knie zitterten, aber das war Adrenalin, und Adrenalin war, wie er inzwischen wusste, im Grunde nur Cortisol mit einem besseren Vertrag. Er sah sich um, suchte nach Deckung, nach irgendeiner Orientierung —

Das Wesen landete drei Meter vor ihm.

Groß, mit einem Exoskelett, das Haut imitierte, und Augen, die die falsche Farbe hatten — eine Farbe, für die er ebenfalls kein Wort fand, irgendwo zwischen Gelb und dem Nicht-Gelb, das entsteht, wenn etwas leuchtet, aber nicht warm ist. Es hatte etwas in der Hand, das auf ihn gerichtet war.

Fabian Hölderlin tat das Vernünftigste, das ihm in diesem Moment einfiel.

Er sagte laut: "Entbehren sollst du, sollst entbehren."

Das Wesen zögerte. Ob aus Verwirrung oder aus irgendeinem anderen Grund, war schwer zu sagen.

Fabian nutzte das Zögern und warf sich seitwärts hinter das brennende Fahrzeug, gerade als etwas aufblitzte und den Asphalt dort zerriß, wo er gestanden hatte.

Er kauerte hinter dem Wrack, Rücken gegen Metall, das heiß genug war, um unangenehm zu sein. Über ihm brannte der Himmel — im buchstäblichen Sinne, orange und schwarz, mit Dingen darin, die sich zwischen den Hochhäusern bewegten wie Gedanken, die niemand klardenken konnte. Trümmer regneten auf den Asphalt.

Er griff nach seinem Jackett und registrierte mit einer Erleichterung, die unverhältnismäßig groß und vollkommen nachvollziehbar war, dass das Manuskript dort war. In der Innentasche. Das Faust-Manuskript, aus dem Bibliothekstisch, hatte sich mit ihm transportiert.

Oder er hatte es, in dem Moment des Fallens, ohne es zu wissen, gegriffen.

Er presste es gegen seine Brust und dachte: Gut. Wenigstens das.

Ein Schatten verdunkelte den Himmel über ihm.

Fabian blickte auf, und was er sah, ließ ihn für einen Moment vergessen, dass er Literaturwissenschaftler war, dass er in München gewohnt hatte, dass Aevum ihm einen Pakt angeboten hatte, dass Marcus tot war, dass seine Karriere vorbei war. Was er sah, war einfach: Licht. Eine menschliche Gestalt, die leuchtete — nein, die strahlte, die das Licht nicht reflektierte, sondern produzierte, photonische Energie in einer Konzentration, die er aus dem Stegreif als quantenphysikalisch unmöglich bezeichnet hätte, wenn er noch in München gewesen wäre und Zeit gehabt hätte, es zu berechnen.

Die Gestalt bewegte sich durch den Himmel wie etwas, für das die Gravitation eine persönliche Entscheidung war, die man täglich neu treffen konnte. Sie griff eines der Wesen, das auf seiner Maschine durch die Straße geflogen war, und warf es mit einer Präzision, die er nur als elegant beschreiben konnte, gegen eine Fassade dreißig Meter entfernt.

Dann landete sie auf der Straße, keine zehn Meter von seinem Wrack entfernt.

Blond. Uniform, blau-rot-gold, mit einer Energie darum, die die Luft um sie herum knistern ließ wie die Zeit kurz vor einem Gewitter. Sie sah sich um — taktisch, schnell, mit den Augen eines Menschen, der Schlachten nicht als Chaos erlebt, sondern als Geometrie.

Dann sah sie ihn an.

Fabian Hölderlin hinter seinem brennenden Wrack, im zerknitterten Jackett, das Manuskript an die Brust gepresst, wahrscheinlich mit einem Gesichtsausdruck, den man als fassungslos klinisch beschreiben würde.

Die Frau sagte: "Was machst du hier?"

Auf Englisch, mit einer Ungeduld, die informierte, dass sie gerade keine Zeit für Antworten hatte, aber trotzdem eine erwartete.

Fabian öffnete den Mund. Schloss ihn. Machte eine Geste, die das Gesamtbild umfasste — den brennenden Himmel, die fremden Wesen, den Asphalt mit seinen frischen Kratern.

"Ich bin gerade angekommen", sagte er, ebenfalls auf Englisch, mit dem Akzent, den vierzehn Jahre deutscher Akademiker nicht aus ihm herausbekommen hatten. "Es ist möglicherweise nicht der beste Zeitpunkt, aber ich glaube, ich wurde hierher teleportiert, und ich würde gerne verstehen, wer oder was diese Kreaturen sind, bevor ich versuche, eine sinnvolle Einschätzung der Situation vorzunehmen."

Die Frau sah ihn an. Drei Sekunden, die sehr lang waren.

"Teleportiert", sagte sie.

"Ich erkenne, dass das nach einer außergewöhnlichen Behauptung klingt —"

Hinter ihr explodierte etwas. Sie drehte sich ohne zu zögern, schoss einen Energiestrahl aus der Handfläche, der das Ding, das explodiert hatte, noch weiter explodieren ließ, und wandte sich dann wieder zu ihm.

"Kannst du kämpfen?"

"Ich bin Literaturwissenschaftler."

"Das war ein Nein."

"Es war ein qualifiziertes Nein."

Ihr Gesicht zeigte keinerlei Belustigung, aber auch nicht die blanke Feindseligkeit, die er erwartet hätte. Es zeigte etwas, das Fabian nach einem Moment als gezügelte Pragmatik identifizierte — das Gesicht eines Menschen, der Probleme priorisiert und gerade entschieden hatte, in welche Kategorie er fiel.

"Bleib hinter dem Wrack", sagte sie. "Beweg dich nicht."

Sie stieg in den Himmel zurück, das Licht um sie herum schwellend wie ein Herzschlag.

Fabian sah ihr nach. Dann sah er auf das Manuskript in seinen Händen, auf die Seite, die er unbewusst aufgeschlagen hatte. Seite dreiunddreißig. Fausts erster Monolog.

Er las, obwohl der Himmel brannte und der Asphalt zitterte und irgendwo hinter ihm Dinge explodierten, die er nicht benennen konnte.

Er las, weil es das Einzige war, das er kannte.

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Chapter 1: The Watcher at the Edge of the Abyss — Zwischen Sternen und Schatten: Ein Pakt der Ewigkeit | GenNovel