Der Morgen kam, wie er im Grauwald immer kam — nicht mit Licht, sondern mit dem Nachlassen von Dunkel. Aldric saß reglos am Fuß der großen Eiche, die man die Erste nannte, seit Menschengedenken die Erste, und davor auch schon. Sein Fell war die Farbe von verregnetem Stein. Seine Augen standen offen. Er schlief nie ganz, und wachte nie ganz auf — er wartete, immer, auf die Art und Weise, die nur diejenigen verstehen, die lange genug gewartet haben, um zu wissen, dass das Warten selbst eine Form des Handelns ist.
Die Welt roch nach nassem Laub und nach dem schwachen, süßlichen Fäulnishauch eines umgestürzten Birkenstammes zwanzig Schritte zu seiner Rechten. Gut. Fäulnis war Nahrung. Fäulnis war Kreislauf. Fäulnis bedeutete, dass alles noch in Ordnung war.
Dann roch er etwas anderes.
Eisen. Und Angst. Und, ganz darunter, das Schmalz einer fremden Küche.
Er hob den Kopf.
Sable landete auf dem niedrigsten Ast der Ersten Eiche, kaum einen Herzschlag später, als hätte sie auf den Moment gewartet, in dem er aufmerksam wurde. Die Rabenfrau war alt — in Rabenjahren beinahe so alt wie das Versprechen, das sie ihm gegenüber niemals ausgesprochen hatte und trotzdem hielt. Ihr Gefieder warf kein Glänzen mehr. Die Jahre hatten es stumpf gemacht, wie einen Spiegel, der zu vieles gesehen hat.
„Roter Umhang", sagte Sable. „Alter Pfad. Geht seit einer halben Stunde."
Aldric antwortete nicht. Er hatte die Fähigkeit, mit dem Schweigen zu antworten, auf eine Art, die Sable irgendwann aufgehört hatte zu kommentieren.
„Sie trägt einen Korb." Eine Pause. Sable putzte sich die Schnabelspitze am Ast. „Großen Korb."
„Wie schwer?"
„Für Brot und Kräuter?" Die Rabenfrau ließ ein trockenes Geräusch hören, das bei einem anderen Tier Lachen gewesen wäre. „Sehr schwer."
Aldric stand auf. Die Bewegung war langsam und vollständig, ohne jene Hast, die verrät, dass man überrascht worden ist. Er war nicht überrascht. Er hatte gewusst, dass etwas kommen würde — er wusste es seit Wochen, seit die Feuerstellen jenseits des Waldrandes näher gerückt waren, seit der Geruch von frisch gesägtem Holz mit dem Ostwind hereingekommen war und nicht wieder weggegangen. Dieser Tag hatte eine Form gehabt, lange bevor er begonnen hatte.
„Folg ihr von oben", sagte er. „Merk dir, wo sie anhält."
„Ich bin seit Anbeginn deiner Ältigkeit deine Augen", erwiderte Sable, aber sie stieß sich bereits vom Ast ab und war im nächsten Augenblick nur noch ein dunkler Fleck über den Kronen.
Aldric trat in den Wald.
Der Grauwald war an diesem Morgen sehr still. Nicht die Stille der Gefahr — die kannte er, diese schärfere, atemlose Art von Stille, in der die Vögel verstummen und die Mäuse unter den Wurzeln erfrieren. Es war die andere Stille, die ältere, die man erst nach Jahrzehnten zu unterscheiden lernt: die Stille der Erwartung. Der Wald kannte ihn. Er kannte den Wald. Zwischen ihnen hatte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Sprache entwickelt, die keine Worte brauchte — nur den Druck von Pfoten auf Erde, das Biegen eines Halmes, die Art, wie Wurzeln unter altem Laub nachgaben oder standhielten.
Er bewegte sich gegen den Wind, damit sie ihn nicht früher riechen würde, als er es wünschte.
Die Erste Eiche stand am östlichen Rand des alten Waldes, wo der Boden noch schwammartig weich war und die Bäume noch dicht genug standen, um das Licht der frühen Stunde in einzelne Säulen zu brechen. Hier, genau hier, war der Ort, an dem der Grauwald begann. Nicht die Bäume — die Bäume begannen früher, verstreut und jung, noch lernend. Aber der eigentliche Wald, das, was unter den Bäumen war, das, was zwischen den Wurzeln atmete — das begann hier, bei der Ersten Eiche, und es hörte weit, weit im Westen auf, an einem Ort, den Aldric seit einigen Jahren nicht mehr besucht hatte, weil das, was er dort vorfände, ihm zu viel Schmerz bereitete.
Er wartete.
Sie kam auf dem alten Pfad, wie Sable gesagt hatte. Der alte Pfad war einst ein Wildwechsel gewesen, dann ein Trampelpfad der Menschen, dann für Generationen unbenutzt, dann wieder ein Trampelpfad. Aldric kannte ihn in all seinen Zuständen. Er roch das Mädchen, bevor er sie sah: Rauch, Brot, das leicht schimmlichte Tuch eines oft gewaschenen Mantels, den Schweiß einer nächtlichen Reise oder frühen Aufbruchs, und darunter, hartnäckig und metallisch, das unverwechselbare Öl, das man auf Eisen rieb, damit es nicht rostete.
Dann trat sie zwischen die Bäume.
Sie war jung — jünger, als die Selbstsicherheit ihres Schrittes vermuten ließ. Der rote Umhang war leuchtend, fast frech so leuchtend, wie eine Botschaft, die sagt: Ich habe nichts zu verbergen. Aldric bemerkte das sofort. Dinge, die nichts zu verbergen hatten, trugen keine Farbe, die nach Blut aussah. Den Korb trug sie am linken Arm, den Griff mit der Faust geschlossen, nicht locker mit den Fingern — die Haltung einer Person, die das Gewicht kennt und daran gewöhnt ist, es zu verteidigen. Das Brot lag oben, ordentlich in ein Tuch geschlagen. Darunter etwas mit Kanten.
Sie schaute geradeaus. Sie schaute auf den Pfad, auf den Boden vor ihren Füßen, auf den Raum zwischen den Stämmen — überallhin, nur nicht hinauf. Wer aufschaut, im Wald, der fragt ihn um Erlaubnis. Dieses Mädchen fragte nicht. Sie ging so durch den Grauwald, wie man durch ein Zimmer geht, das man bereits zu kennen glaubt, weil man seine Grundrisse aufgezeichnet hat.
Aldric trat auf den Pfad.
Er war groß. Das vergaßen die Menschen in ihrer Vorstellung von Wölfen immer wieder — dass er groß war, nicht auf eine bedrohliche Art, sondern auf die Art eines sehr alten Baumes: vollständig, ohne Überfluss, geerdet bis in die letzte Faser. Sein Fell war das Grau von Wintertagen, von Felsen, von der Stunde zwischen Nacht und Morgen. Die Augen waren bernsteinfarben und ohne Hast.
Er trat auf den Pfad, und er blieb stehen.
Das Mädchen sah ihn.
Ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand es konnte — ein halber Schritt zurück, eine Schulter, die sich anzog, der Korb, den sie instinktiv mit beiden Armen gegen die Hüfte drückte. Dann übernahm der Verstand wieder die Herrschaft. Er sah es deutlich: die Kiefer, die sich setzte. Die Schultern, die sich zurücknahmen. Die Augen, die hart wurden. Eine junge Frau, die sich eingeübt hatte, mutig zu sein, und die diese Einübung gerade brauchte.
Aldric rührte sich nicht.
Zwischen ihnen war der Pfad und die Stille des Waldes, der zuhörte. Irgendwo hoch oben in den Ästen bewegte sich ein schwarzer Schatten, ohne Geräusch.
Das Mädchen sprach zuerst. Das hatte Aldric erwartet — nicht weil sie schwächer war, sondern weil Schweigen für Menschen unerträglich ist auf eine Weise, die sie nicht kontrollieren können.
„Ich gehe zu meiner Großmutter", sagte sie. Die Stimme war fest. Nur die geringste Erhöhung am Ende, kaum hörbar, wo eine Frage gewesen wäre, wenn sie ehrlich gesprochen hätte. „Ich bringe ihr Kräuter. Sie ist krank."
Aldric sah sie an.
Dann sah er auf den Korb.
Er sah lange auf den Korb. Lang genug, dass das Mädchen einmal schluckte — er sah die Bewegung an ihrer Kehle — und dann den Korb ein kleines Stück hinter sich zog, in der Art eines Menschen, der einen Gedanken zu spät bemerkt hat.
Das Brot lag oben. Es war ordentlich in sein Tuch geschlagen. Es roch nach Roggen und nach Kümmel und nach dem Herd, an dem es gebacken worden war.
Und darunter: Eisen. Geölt. Kalt. Mit Zähnen.
Aldric hob den Blick nicht von dem Korb. Er sprach nicht. Er widersprach nicht.
Er wartete, und wartete, und wartete — so wie er immer wartete, mit dieser vollständigen Geduld, die nicht Gleichgültigkeit war, sondern ihr genaues Gegenteil: die Geduld dessen, dem nichts entgeht und dem genau das am meisten bedeutet.