Chapter 1: The Twelfth Identity

Der Kaffee war zu heiß und zu dünn, und Siegfried Kranz trank ihn trotzdem bis zum letzten Schluck.

Er saß am Fenster des Cafés in der Kantstraße und beobachtete die Hausnummer 34 gegenüber. Fünf Stockwerke aus wilhelminischem Sandstein, die Fassade frisch geputzt, das Messingschild neben dem Eingang poliert bis zur Lesbarkeit aus zwanzig Metern Entfernung: Rheingold Immobilien Consulting GmbH. Darunter, kleiner: Mitglied im Ring Berliner Makler e.V. Die Jalousien im zweiten Stock waren zur Hälfte geschlossen. Im dritten brannte Licht, obwohl es noch nicht halb neun war.

Siegfried stellte die Tasse ab. In seiner linken Jackentasche lag eine Visitenkarte, die er in den letzten vier Tagen so oft zwischen den Fingern gehalten hatte, daß die Ränder leicht fransig waren: Stefan Kern, Logistics Consultant, eine Münchener Adresse, eine Berliner Handynummer, eine E-Mail-Domain, die seit drei Wochen existierte und deren Webpräsenz aus einer einzigen, professionell nüchternen Seite bestand. Zwölf Jahre beim Landeskriminalamt. Elf abgeschlossene Undercover-Einsätze. Dieser war der zwölfte.

Er hatte sie gezählt, weil er die Angewohnheit nicht loswurde — eine Form von Buchführung, die ihm das Gefühl gab, den Überblick zu behalten. Als wäre die Zahl selbst eine Art Schutz.

Draußen regnete es in feinen Schlieren, wie es im Oktober in Berlin regnet: ohne Entschlossenheit, aber ohne Pause. Eine Straßenbahn fuhr vorbei und ließ nasse Rillen im Asphalt zurück. Eine Frau mit Kinderwagen kämpfte gegen eine umgestürzte Regenschirmspitze. Charlottenburg zur Frühstückszeit — das Viertel erwachte geordnet und mit einem gewissen Bewußtsein seiner eigenen Respektabilität, als hätte die Nachkriegszeit hier nie wirklich Spuren hinterlassen, nur Anekdoten.

Stefan Kern würde um neun Uhr dreißig seinen ersten Termin haben. Bis dahin blieben vierundfünfzig Minuten.

Er öffnete das dünne Notizheft, das neben der Tasse lag — unbedrucktes Papier, kein Logo — und las die letzte Seite noch einmal. Nicht weil er die Informationen vergessen hätte. Er vergaß solche Dinge nicht. Sondern weil das Wiederlesen ein Ritual war, das ihm half, die Grenze zwischen sich selbst und der Figur zu spüren, die er in weniger als einer Stunde sein würde.

Rheingold Immobilien. Gegründet 2016, Gesellschafter eine Holding in der Schweiz. Buchumsatz im letzten Geschäftsjahr: 4,2 Millionen Euro. Tatsächlicher Geldfluss durch die Objekte, die das LKA bislang rekonstruiert hatte: achtzehnfaches Vielfaches davon. Die Organisation nannte sich selbst nicht. Die Ermittler nannten sie die Nibelungen. Jemand mit Sinn für Ironie oder Mythologie — vielleicht beides.

Der eigentliche Einstiegspunkt war ein Mann namens Dietrich Voß, Mitte fünfzig, leitender Makler, unauffällig bis zur Unsichtbarkeit. Er spielte Golf in einem Klub in Wannsee, fuhr einen Volvo, trank auf Veranstaltungen immer genau ein Glas zu viel. Das LKA hatte drei Monate gebraucht, um zu verstehen, daß Voß nicht die Organisation repräsentierte, sondern ihre Vorhalle. Den Warteraum. Den Ort, an dem man Menschen sitzen ließ, bis jemand anderes entschied, ob sie weitergehen durften.

Stefan Kern hatte sich über einen gemeinsamen Bekannten — einen Wirtschaftsprüfer aus München, dessen Legende das LKA seit zwei Jahren pflegte — für eine Beratung bezüglich Berliner Gewerbeimmobilien angemeldet. Es war ein kleines Manöver, sauber und ohne Eigengewicht. Der Schritt, der ihm heute bevorstand, war deshalb nicht spektakulär. Er war nur der erste.

Siegfried klappte das Heft zu, steckte es in die Innentasche des Jacketts. Das Jackett selbst war neu, von einem Herrenausstatter am Savignyplatz, leicht teurer als das, was er sich als Siegfried Kranz je kaufen würde — Stefan Kern hatte Geschäftsreisen und ein Münchener Grundgehalt, das einen anderen Schnitt erlaubte. Die Schuhe waren ein Jahr alt, auf alt geputzt. Neue Schuhe wirkten entweder billig oder verdächtig.

Er kannte diese Abwägungen im Schlaf. Das war das Problem mit zwölf Jahren: Man kannte sie im Schlaf.

Sein Telefon — das dienstliche, nicht das von Stefan Kern — hatte letzte Nacht dreimal vibriert. Dreimal Hagen. Zweimal hatte er den Anruf nicht angenommen, weil er geschlafen hatte. Einmal hatte er ihn angenommen, weil Hagen beim dritten Anlauf eine kurze Nachricht hinterließ: Morgen läuft alles nach Plan. Kein Puffer mehr.

Das war ungewöhnlich. Hagen Tronje pflegte keine Nachrichten zu hinterlassen. Er war der Typ, der wartete, bis man zurückrief — geduldig, als hätte er alle Zeit der Welt und als wäre Zeit selbst eine Ressource, die nur andere verschwendeten.

Kein Puffer mehr.

Siegfried hatte die Worte noch einmal gelesen, dann das Telefon weggezogen. Nicht mit Besorgnis. Mit Aufmerksamkeit — dem leisen, professionellen Aufmachen einer Akte, das er im Laufe der Jahre gelernt hatte von dem gedankenlosen Reflex zu unterscheiden, den Laien Bauchgefühl nannten. Hagen hatte in den letzten Wochen aufgehört, Fragen zu stellen. Keine Rückfragen zur Legende, keine Probeläufe, keine der kleinen taktischen Debatten, die sie sonst in den Vorbereitungsphasen führten. Stattdessen: Anweisungen. Fristen. Direktiven, formuliert mit der Leichtigkeit von jemandem, der bereits weiß, wohin die Reise geht, und die Frage, ob man selbst folgt, nur noch als administrative Formalität betrachtet.

Siegfried legte Münzen auf den Tisch, mehr als der Kaffee gekostet hatte. Eine Gewohnheit aus der Neukölln-Kindheit: Man ließ etwas übrig, auch wenn man nichts hatte.

Er trat auf die Kantstraße hinaus, hob das Gesicht kurz in den Regen, dann senkte er es wieder. Überquerte die Straße.

Stefan Kern betrat das Gebäude der Rheingold Immobilien GmbH um neun Uhr vierundzwanzig — sechs Minuten früher als vereinbart, was Sorgfalt signalisierte, ohne Nervosität zu verraten. Die Empfangsdame war jung, trug ein Headset und sah ihn mit der neutral freundlichen Aufmerksamkeit an, die ausgebildet war, nicht ausgebildet wirken zu lassen. Er nannte seinen Namen. Sie bat ihn, einen Moment Platz zu nehmen.

Die Eingangshalle roch nach frischer Farbe und teurem Diffuser — Zedern und etwas Synthetisches darunter. Auf einem niedrigen Tisch lagen Architekturmagazine, deren Titelseiten alle Gebäude zeigten, die ausschließlich reichen Menschen gehörten. Siegfried setzte sich, legte die Hände locker auf die Knie und ließ den Raum in sich ein.

Drei Kameras: eine oben an der Treppe, eine über der Eingangstür, eine versteckt in einem Lüftungsgitter, erkennbar nur an der minimalen Staubfreiheit des Gitters selbst. Außerdem: ein Spiegel gegenüber dem Eingang, der entweder dekorativ war oder nicht.

Fünf Minuten vergingen. Dann zehn. Die Verzögerung war kein Zeichen von Desorganisation.

Voß erschien schließlich die Treppe herunter — kleiner als in den Aktenfotografien, mit einem Händedruck, der zu fest war und zu lange anhielt. Ein Mann, der Stärke über die Hände kommunizierte, weil er die Technik irgendwann gelernt und nie wieder vergessen hatte.

Das Gespräch dauerte vierzig Minuten. Es war angenehm und vollkommen substanzlos. Voß redete über den Berliner Markt, über Renditechancen in Lichtenberg und Marzahn, über die Schwierigkeiten mit Baugenehmigungen und das Genie sparsamer Sanierung. Siegfried nickte, fragte an den richtigen Stellen nach, ließ Voß glauben, daß die Initiative von ihm ausging. Es war das Gespräch einer Vorhalle: Man prüfte, wie jemand zuhörte. Ob er die richtigen Dinge überhörte.

Auf dem Weg zur Tür blieb Voß einen halben Schritt zurück und sagte beiläufig: »Ich habe einen Kollegen erwähnt, dem Ihre spezifischen Anforderungen vertrauter sein könnten. Er würde Sie gern zum Abendessen einladen, wenn das paßt.«

Stefan Kern lächelte und sagte, daß das paßte.

Siegfried Kranz notierte innerlich: Voß hat nicht nach Referenzen gefragt. Er hat nicht nach konkreten Investitionssummen gefragt. Er hat sofort eskaliert. Was bedeutet: Stefan Kerns Legende hat die erste Schicht bereits durchdrungen, bevor er das Gebäude wieder verlassen hat.

Die zweite Schicht begann zwölf Tage später in einem Haus in Dahlem.

Kein Schild. Keine erkennbare Adresse von der Straße aus. Eine breite Einfahrt aus Granit, flankiert von Hainbuchen, die so exakt geschnitten waren, daß die Symmetrie wirkte wie eine ruhig gesprochene Warnung. Siegfried wurde von einem schweigenden Fahrer abgeholt und fuhr dreißig Minuten durch abendliches Berlin, ohne Musik, ohne Smalltalk. Der Fahrer bog zweimal ohne ersichtlichen Grund ab — ein Muster, das entweder Vorsicht oder Gewohnheit war. Siegfried dachte: beides.

Das Innere des Hauses war warm, holzgetäfelt, diskret bestückt mit Kunst, die keine Preisschilder benötigte, um ihre Kosten zu kommunizieren. Kein Lärm von der Straße. Keine Dienstboten sichtbar. Der Tisch war für vier Personen gedeckt, obwohl Siegfried nur die Silhouette eines Mannes sah, der am Ende des Raums auf ihn wartete.

Gunther trat ihm zwei Schritte entgegen — nicht eilig, aber entschlossen. Anfang fünfzig, eine Körperstatur, die Maß gehalten hatte. Das Haar sehr kurz, fast militärisch. Die Augen hatten die Farbe von Schiefer und die Eigenschaft, stillzustehen, wenn andere Gesichter sich bewegten.

Der Händedruck war anders als Voß. Keine Demonstration. Nur ein Händedruck.

»Stefan Kern«, sagte Gunther. Nicht als Frage.

»Ja«, sagte Siegfried.

»Setzen Sie sich. Der Wein atmet noch.«

Das Essen kam in Gängen, zubereitet von jemandem, der nie erschien. Gunther sprach über Logistik, über Lagerkapazitäten in Brandenburg, über die Ineffizienzen im Schienenfrachtverkehr zwischen Hamburg und Berlin. Er sprach wie jemand, der ein echtes Geschäft betrieb — weil er das tat, jedenfalls zum Teil, und weil der Teil der Wahrheit war, gab er dem Rest Deckung.

Siegfried antwortete als Stefan Kern. Stefan Kern kannte Frachtrouten, kannte Engpässe, kannte die richtigen Fachbegriffe für die richtigen Probleme.

Irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Gang legte Gunther das Besteck ab, sehr präzise, und sah ihn an.

»Sie wissen, daß wir Empfehlungen sehr ernst nehmen«, sagte er.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte Siegfried.

»Voß sagt, Sie fragen wenig.«

»Ich höre lieber zu.«

Gunther nickte einmal. Nicht zustimmend — evaluierend. Dann: »Aber wenn Sie fragen, fragen Sie das Richtige.«

Schweigen. Irgendwo im Haus tickte eine Uhr.

Gunther streckte die Hand aus, diesmal nicht zum Abschied, sondern wie eine Feststellung.

»Sie haben«, sagte er, »die Augen von jemandem, der noch nie überrascht worden ist.«

Der Händedruck. Die Worte. Der Schiefer in den Augen, der auf eine Reaktion wartete.

Siegfried ließ sich ein Lächeln auf das Gesicht steigen, das Stefan Kern gehörte — entspannt, leicht geschmeichelt, mit dem kleinen Abstand echter Bescheidenheit.

Und er dachte, vollkommen ruhig: Noch nicht.

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Chapter 1: The Twelfth Identity — Schwarzgold – Treue hat ihren Preis | GenNovel