Der Wagen hatte die letzte Anhöhe vor Waldenfels kurz nach der zweiten Nachmittagsstunde erklommen, und von dort oben, auf dem ausgefahrenen Kiesweg zwischen herbstlich gelichteten Buchen, hatte Eduard Starkenburg zum ersten Mal seit neunundzwanzig Jahren wieder die Türme des Schlosses gesehen.
Er hatte nicht erwartet, dass sie kleiner wirken würden.
Nicht die Türme selbst natürlich — jene sandsteinernen Massive, die Fürst Roberts Urgroßvater an der Biegung des alten Handelsweges hatte errichten lassen, um den Kaufleuten aus dem Osten zu zeigen, dass man in der Westermark wusste, was Beständigkeit bedeutete. Sie ragten noch immer mit derselben selbstverständlichen Schwere in den blassen Oktoberhimmel, und die Wappenfahne des Hauses Waldenfels — das eiserne Kreuz auf purpurnem Grund — blähte sich träge im Wind, als wäre die Zeit um sie herum stillgestanden. Aber etwas in der Komposition des Ganzen hatte sich verändert, oder vielleicht war es Eduard selbst, der sich verändert hatte, und der Anblick zeigte ihm diese Veränderung nun mit der rücksichtslosen Genauigkeit eines Spiegels. Neunundzwanzig Jahre waren das. Er war ein anderer Mensch von diesem Hügel geritten, jung genug, um die Gefahr für Abenteuer zu halten, alt genug, um es besser wissen zu müssen.
Der Kutscher knallte die Zügel, die Pferde zogen an, und Eduard lehnte sich wieder in die Polsterung zurück, die nach Leder und dem leichten Schimmel langer Einlagerung roch. Er hatte den Wagen von seinem Verwalter geliehen, der ihn mit dem fehlgeleiteten Stolz eines Mannes auf Reisen vorbereitet hatte, dem Standesgemäßheit wichtiger ist als dem Reisenden selbst. Eduard wäre lieber zu Pferde gekommen. Aber man kommt nicht als Erster Ratgeber an, hatte sein Verwalter Hense gesagt, mit jenem ruhigen Nachdruck, dem Eduard seit zwanzig Jahren nicht mehr zu widersprechen pflegte, man kommt nicht als Erster Ratgeber an, wie man in den Krieg reitet, Herr.
Hense hatte recht, natürlich. Hense hatte fast immer recht in Dingen, die Eduard nichts angingen.
Das Schreiben des Fürsten hatte Eduard vor drei Wochen erreicht, während er auf dem hinteren Feld seines Gutes dabei zusah, wie zwei Knechte eine Drainage reparierten, die seit dem Frühjahrsregen nicht mehr ordentlich funktioniert hatte. Es war auf schwerem Briefpapier verfasst, das Siegel aus rotem Wachs gepresst, und Robert hatte in seiner eigenen, immer steiler werdenden Handschrift geschrieben, als würde er gegen die Buchstaben ankämpfen. Der Brief war kurz. Es war nicht Roberts Art, um etwas herumzureden, wenn er es befehlen konnte, und zwischen den Zeilen eines Briefes, der ihn zum Ersten Ratgeber des Fürstentums ernannte, hatte Eduard genau jenen Ton gelesen, den er von den Feldzügen kannte: die vollständige Abwesenheit der Frage. Robert hatte ihn nicht gebeten. Robert hatte ihn gerufen.
Und Eduard — der drei Tage lang geschwiegen hatte, den Brief auf dem Schreibtisch liegen lassen, Henses Blicken ausgewichen war und nachts im Dunkeln an die Decke gestarrt hatte mit der Unruhe eines Mannes, der eine Antwort kennt und nach einer anderen sucht — Eduard hatte selbstverständlich ja gesagt.
Seine Tochter Aria hätte ihn einen Narren genannt. Aber Aria war nicht hier.
Das Schlosstor öffnete sich, noch bevor der Wagen die Zugbrücke ganz überquert hatte, als hätte man auf ihn gewartet — was man selbstverständlich hatte, denn im Haus Waldenfels wurde die Ankunft angekündigter Gäste registriert wie Handelsware: Zeitpunkt, Herkunft, Wert. Zwei Lakaien in den Hausfarben des Fürsten traten vor, und ein junger Stallbursche, dessen Ohren noch zu groß für sein Gesicht waren, übernahm die Pferde mit einer Ernsthaftigkeit, die Eduard ein unwillkürliches, sofort unterdrücktes Lächeln entlockte.
Der Innenhof von Schloss Waldenfels war weitläufiger, als Eduard ihn in Erinnerung gehalten hatte, oder er hatte ihn in der Erinnerung mit dem kleineren Befestigungshof des östlichen Grenzlagers verwechselt, wo er und Robert zuletzt Seite an Seite gestanden hatten. Hier roch es nach frisch geharkt em Kies und dem Rauch von Feuerstellen, die in den Seitenflügeln bereits brannten — der Oktober war kalt geworden, früher als üblich, und die alten Mauern strahlten die Kälte aus, die sie im Sommer gespeichert hatten, mit einer Gleichmäßigkeit aus, die keine Feuerung je ganz überwinden konnte. Über dem Hauptportal hing das eiserne Kreuz in Stein gehauen, von Efeu an den Rändern befasst, und Eduard betrachtete es einen Moment länger als nötig, ehe er eintrat.
Der Kammerherr, ein hagerer Mann mit dem Namen Vogt, den Eduard nicht kannte und der ihn mit dem höflichen Desinteresse behandelte, das erfahrene Hofbeamte für Menschen aufsparen, denen man noch keinen Rangwert hat zugewiesen können, führte ihn durch zwei Korridore und eine breite Treppe in die ihm zugewiesenen Räume im Westflügel. Die Räume waren repräsentativ eingerichtet, ohne warm zu sein: schwere Vorhänge in gedämpftem Burgunder, ein Schreibtisch aus Eichenholz, Kerzenhalter aus getriebenem Silber, an den Wänden Jagdstücke in schweren Goldrahmen. Eduard betrachtete die Kerzenhalter eine Weile. Er hatte dergleichen nicht erwartet. Er hatte erwartet, dass man ihm etwas Nüchternes gab, Funktionales, dem Ernst des Amtes Entsprechendes.
Die Repräsentativität der Einrichtung beunruhigte ihn auf eine Weise, die er sich nicht erklären mochte.
Vogt teilte ihm mit, dass der Fürst um sechs Uhr abends im Festsaal empfangen würde. Er verbeugte sich mit der Winkelgenauigkeit eines Mannes, der Verbeugungen übt, und verließ den Raum. Eduard trat ans Fenster und sah auf den Innenhof hinunter, wo der Stallbursche noch immer mit den Pferden beschäftigt war und sie nun mit einer Gründlichkeit striegelte, die weit über seine Pflicht hinausging. Dieser Knabe würde einmal ein tüchtiger Mann werden, dachte Eduard, und dann ärgerte er sich über die Absurdität des Gedankens, in einem solchen Moment an Stallburschen zu denken.
Er wusch sich das Gesicht, ließ sein Gepäck von Henses mitgereistem Gehilfen auspacken, und wartete.
Robert empfing ihn nicht allein.
Das hätte Eduard wissen müssen — das hätte er natürlich gewusst, wenn er einen Moment lang wie ein Höfling und nicht wie ein Soldat gedacht hätte. Der Festsaal von Schloss Waldenfels fasste bei formellen Anlässen an die zweihundert Personen; an diesem Abend waren es weniger, vielleicht achtzig, die sich an den langen Tafeln verteilt hatten und mit der entspannten Aufmerksamkeit von Menschen dasaßen, die wissen, dass sie Zeugen von etwas sein werden, das später seine Bedeutung erst noch entfalten wird. Kerzen brannten in den hohen Armleuchtern, und ihr Licht warf lange, unstete Schatten über die Wandpfeiler, an denen die Wappenschilder der Vasallenhäuser hingen — Eduard erkannte etliche davon, andere waren ihm fremd, neue Namen, neu erworbene Loyalitäten oder neu erkaufte Versöhnungen, er konnte es von hier aus nicht sagen.
Robert saß am Kopfende der Haupttafel auf einem Stuhl, der den Proportionen eines Thrones näher war, als die Zwanglosigkeit des Abends es hätte vermuten lassen. Er war alt geworden — das war Eduards erster, unverstellter Gedanke, ein Gedanke, den er mit der wortlosen Brutalität registrierte, mit der man eine veränderte Landschaft registriert: sachlich, ohne Wertung, aber nicht ohne Schmerz. Robert war immer ein großer Mann gewesen, groß und breit und von jener physischen Präsenz, die jüngere Männer als selbstverständlich betrachten und erst bemerken, wenn sie schwindet. Er war noch immer groß. Aber die Breite hatte sich verlagert — die Schultern schmaler, die Mitte schwerer, die Haut um den Hals lose unter dem steifen Kragen — und das Haar, das Eduard in Erinnerung hatte als das dunkle, kurz geschnittene Haar eines Mannes, der keine Zeit für Eitelkeit hatte, war nun weiß und dünner geworden, sorgfältig frisiert mit einer Sorgfalt, die auf Eitelkeit schließen ließ, wo früher Gleichgültigkeit gewesen war. Die Augen aber — die Augen waren noch dieselben, dunkelbraun und von einem Ausdruck, den Eduard als Jüngerer für Schärfe gehalten und als älterer für etwas Komplizierteres erkannt hatte, für eine Art komprimierter Emotionalität, die sich lieber als Schärfe zeigte als als das, was sie war.
Robert sah ihn kommen und stand auf.
Das allein war ungewöhnlich genug, dass die Gespräche in unmittelbarer Nähe verstummten, und jenes charakteristische Schweigen, das sich durch einen Raum ausbreitet wie Wasser durch Risse im Mauerwerk, lief von Tisch zu Tisch, bis der halbe Saal auf die Szene achtete, die am Kopfende entstand. Eduard durchquerte den Saal mit dem Schritt eines Mannes, der gewohnt ist, beobachtet zu werden und es trotzdem nicht mag, und blieb zwei Schritte vor dem Fürsten stehen.
Robert streckte die Hand aus.
Es war eine kräftige Hand noch immer, wiewohl die Gelenke geschwollen waren, und er drückte Eduards Hand mit einem Druck, der mehr aussagen wollte, als ein Händedruck aussagen kann — oder vielleicht versuchte er, mit diesem Druck etwas mitzuteilen, das er in Worte nicht zu fassen verstand. Eduard erwiderte den Druck, sorgfältig, gleichmäßig, und ließ dabei nichts von dem sehen, was in ihm vorging. Er war es gewohnt, seine Hände zu kontrollieren.
„Starkenburg", sagte Robert. Seine Stimme war rauer geworden, der Ton tiefer abgesetzt, aber noch immer mit jenem Befehlsklang versehen, der Jahrzehnte im Sattel erzeugen. „Endlich."
„Euer Durchlaucht", sagte Eduard.
„Keinen Titel. Nicht du." Robert hielt seine Hand noch einen Moment zu lang, dann ließ er sie los und wandte sich halb zum Saal, als wolle er sicherstellen, dass auch der letzte der Anwesenden Zeuge dieser kleinen, bedeutungsgeladenen Szene geworden war. „Der Mann, dem ihr heute Abend begegnet, hat in drei Feldzügen an meiner Seite gestanden und mich einmal davor bewahrt, in einem Flussbett zu ertrinken. Daran erinnere ich euch nur, damit niemand auf den Gedanken verfällt, seine Ernennung zum Ersten Ratgeber dieses Hauses sei eine Frage der Gunst. Sie ist eine Frage des Urteils. Meines Urteils."
Gelächter, höflich und präzise dosiert. Eduard ließ es an sich abprallen.
Er wurde zu einem Platz geführt, der, wie er registrierte, zur Rechten des Fürsten lag; ein Platz, dessen Symbolik unmissverständlich war und der ihn, noch ehe er sich gesetzt hatte, in das Geflecht der Rangverhältnisse dieses Hofes einschrieb mit einer Endgültigkeit, von der er wusste, dass sie nicht ohne Konsequenzen bleiben würde. Er kannte diesen Mechanismus. Er hatte ihn nur nie von innen erlebt.
Es war Ceroline, die er zuerst bemerkte — oder vielmehr, es war Ceroline, deren Bemerken er nicht vermeiden konnte, was etwas anderes ist.
Sie saß am anderen Ende der Haupttafel, nicht am Gegenkopfende, das leer geblieben war, sondern etwas versetzt, auf dem zweiten Platz von links, als hätte man ihr durch diese Platzierung eine Botschaft mitgeben wollen, die sie offensichtlich entweder nicht erhalten oder nicht akzeptiert hatte. Sie war jünger als Eduard erwartet hatte — Mitte dreißig vielleicht, obwohl etwas an ihrer Haltung es schwer machte, ein Urteil zu fällen; sie trug diese ruhige, vollständige Selbstsicherheit, die manche Frauen im Lauf der Jahre erwerben und die alle äußeren Zeitmarken unzuverlässig macht. Ihr Haar war dunkel und hochgesteckt, das Kleid von einem tiefen Grün, das im Kerzenlicht beinahe schwarz wirkte, und die einzige Ausschmückung an ihr war eine Brosche an der Schulter, ein verschlungenes Rankenmuster aus mattgoldenem Filigran, das sowohl schlicht als auch teuer war.
Sie sah Eduard in dem Moment an, in dem er sich setzte.
Ihr Lächeln entstand ohne Eile. Es war ein Lächeln, das man aus der Erinnerung nicht hätte rekonstruieren können — nicht wegen seiner Subtilität, obwohl es subtil war, sondern wegen seiner vollständigen Kalibrierung. Es enthielt Wärme und Höflichkeit und den Anflug von Freude an der Begegnung, und es enthielt nichts davon wirklich, und Eduard, der in seinem Leben vielen Männern ins Gesicht gesehen hatte und einem oder zwei Frauen, erkannte, ohne es benennen zu können, dass hier eine Mitteilung stattfand, für die er die Sprache noch nicht besaß.
Er neigte den Kopf in ihre Richtung. Sie neigte den Kopf in seine Richtung. Das war alles, was in diesem ersten Moment nötig war.
Das Abendessen begann. Silbertabletts wurden hereingebracht, Wein eingeschenkt, Gespräche wieder aufgenommen. Robert sprach wenig, aber seine Gegenwart füllte die Tafel trotzdem aus — er hatte diese Fähigkeit noch, oder vielleicht war es bloß die Gewohnheit der anderen, seinen Platz mit Bedeutung aufzufüllen. Eduard aß mit mäßigem Appetit, antwortete, wo er gefragt wurde, fragte selbst nicht, hörte zu mit der gleichmäßigen Aufmerksamkeit eines Mannes, der weiß, dass erste Abende mehr enthüllen als alle folgenden zusammen.
Am Ende des dritten Ganges ließ Robert die Hand kurz auf Eduards Unterarm ruhen, eine flüchtige Geste, die er vielleicht selbst nicht wahrgenommen hatte, und sagte, leiser als die Tafelgespräche um sie herum: „Ich bin froh, dass du da bist."
Eduard betrachtete sein Glas, in dem der Wein im Kerzenlicht dunkelrot war wie altes Siegellack.
„Ich ebenfalls", sagte er.
Am anderen Ende der Tafel hob Ceroline gerade ihr eigenes Glas, und in dem Moment, in dem sie trank, trafen ihre Augen kurz auf seine — kurz genug, um Zufall zu sein; lang genug, um es nicht zu sein.
Das Kerzenwachs tropfte leise. Eduard trank.