Es war einmal eine Frau, die sprach mit der Sonne.
Nicht so, wie Kinder mit dem Feuer sprechen, aus Übermut und Unwissenheit. Sie sprach wie jemand, der nichts mehr zu verlieren hat — sorgfältig, ohne Eile, mit den Händen einer Uhrmacherin und dem Herzen einer Begrabenen.
Ihr Name war Elsa Waldner, und sie wohnte am Rand des großen Waldes, in einem Turm aus Feldstein und altem Holz, den die Leute des nächsten Dorfes die Sternwarte nannten, wenn sie überhaupt davon sprachen, was sie selten taten. Die Sternwarte stand dort schon, bevor Elsa kam. Sie hatte nur das Schloß gewechselt und die Linsen geputzt und den Staub von einem Buch gewischt, das ihr Vater ihr einst geschenkt hatte — einem Buch über die Sprache der Zahlen, das er selbst mit Anmerkungen gefüllt hatte, in einer Handschrift so klein wie Mückenspuren auf Wasser.
Ihr Vater war tot. Das war die erste und wichtigste Wahrheit jenes Winters.
Er war im Krieg gestorben, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in einem Keller, von Männern, die er einst kannte. Ihr Bruder Kaspar hatte diesen Männern den Weg gewiesen — das war die zweite Wahrheit, und sie war größer als die erste, denn der Tod ist nur Tod, aber Verrat hat keine Grenze, er wächst weiter, solange man ihn nicht begräbt, und Elsa hatte ihn nicht begraben. Sie hatte ihn eingemauert. Tief in sich, hinter den Rippen, wo er pochte wie ein zweites Herz.
Kaspar war fort. Wohin, das wußte sie nicht. Es gab Gerüchte. Sie hörte nicht hin.
So lebte sie allein am Rand des Waldes, mit dem Wald zu ihrer Rechten und dem Himmel über ihr und den Zahlen ihres Vaters auf dem Schreibtisch. Der Wald schwieg. Der Himmel war gleichgültig. Nur die Zahlen sprachen noch — die einzige Sprache, in der niemand lügen konnte, denn eine Zahl ist, was sie ist, und läßt sich durch kein Kummer und keine Schuld verbiegen.
In jenem Winter — es war der kälteste seit Menschengedenken, das Dorf sagte das jedes Jahr, aber diesmal stimmte es — begann Elsa etwas zu bauen, das sie selbst nicht benennen konnte. Ein Gerät aus Kupferdraht und gebogenen Spiegeln, aus Quarzplatten, die sie aus der Stadt geholt hatte, aus Formeln, die sie in der Nacht auf den Boden ihres Turmes geschrieben hatte mit Kreide, damit sie groß genug waren zum Denken. Sie arbeitete bei Kerzenlicht, wenn die Sonne unten war, und beim Licht der Sonne, wenn der Wald es durchließ. Sie schlief wenig. Sie aß, was der Frost übrigließ.
Was sie baute, war eine Stimme.
Nicht die Stimme eines Menschen — die ist zu klein, zu warm, zu vergänglich. Sie baute eine Stimme aus Mathematik. Eine Botschaft, in der jede Zahl für etwas stand, das sie verloren hatte: der erste Term für ihren Vater, der zweite für die Stille, die Kaspar hinterlassen hatte, der dritte für das Buch mit den Mückenspuren-Anmerkungen, der vierte für das Fenster der alten Wohnung, durch das man den Park gesehen hatte, bevor der Park verbrannt wurde. Sie faltete alles, was sie war, in eine einzige mathematische Folge, präzise wie ein Schlüssel und ebenso nutzlos, wenn es kein Schloß dafür gab.
Den Schlüssel wollte sie in die Sonne werfen.
Nicht weil sie glaubte, daß jemand ihn finden würde. Sie glaubte nicht daran. Sie war zu klug für den Glauben und zu erschöpft für die Hoffnung. Aber die Sonne war das einzige Wesen groß genug, um zu empfangen, was sie loswerden mußte. Die Sonne würde es aufnehmen und behalten, in ihren Stürmen aus Feuer und Licht, und Elsa würde dann wissen, daß die Botschaft irgendwo war, auch wenn niemand sie je las. Das genügte ihr. Es mußte genügen.
In der langen Nacht vor dem ersten Sendetag saß sie am Schreibtisch und hörte dem Wald zu. Er machte keine Geräusche. Das war seine Art zu sprechen.
Sie öffnete das Buch ihres Vaters und las, nicht zum ersten Mal, den Satz, den er auf die letzte Seite geschrieben hatte, unter alle Formeln und Anmerkungen, in größeren Buchstaben als alles andere: Die Stille zwischen den Zahlen ist keine Leere. Sie ist die Möglichkeit, die noch keinen Namen hat.
Elsa schloß das Buch. Sie legte die Hand darauf, flach, wie man die Hand auf ein Grab legt.
Dann ging sie an die Apparatur und begann.
Das Gerät arbeitete ohne Lärm. Das war seine schönste Eigenschaft. Es summte kaum — nur ein leises Zittern der Kupferdrähte, die die Energie sammelten, bündelten, richteten. Auf dem großen Parabolspiegel oben im Turm, wo das Dach sich öffnete wie ein aufgebrochenes Ei, spiegelte sich der Morgenhimmel. Noch war es dunkel. Die Sonne war noch nicht da. Elsa wartete mit den Händen im Schoß und atmete durch den Mund, weil die Luft so kalt war, daß sie durch die Nase wie Glas schmeckte.
Als das erste Licht über den Wald kroch — ein blasses, ängstliches Licht, das sich noch nicht entschieden hatte, ob es Tag werden wollte — richtete sie den Spiegel. Die Zahlen flossen. Das Kupfer zitterte. Die Botschaft stieg in die Strahlen der aufgehenden Sonne wie eine Welle ins Meer, und das Meer nahm sie auf, und das war alles.
Der Wald rührte sich nicht.
Die Sonne antwortete nicht.
Elsa aß Brot und Käse und schlief drei Stunden und stand wieder auf.
So ging es fort. Jeden Tag schickte sie die Botschaft. Jeden Tag wartete sie. Der Schnee vor dem Turm blieb unberührt — niemand kam, niemand ging. Das Dorf schickte einmal im Monat einen Jungen mit Mehl und Schmalz, er stellte die Dinge vor die Tür und lief schnell wieder fort, und einmal hatte er sich umgeschaut, und Elsa hatte ihn durchs Fenster beobachtet, und für einen Moment hatten ihre Augen sich getroffen, und sie hatte das Fenster mit der Hand bedeckt, als wäre es ihr Gesicht.
Am dreizehnten Tag fiel das Gerät aus. Eine der Quarzplatten war gesprungen, ein dünner Riß, kaum sichtbar. Sie arbeitete zwei Tage an der Reparatur, die Finger steif vor Kälte, die Lupe aus dem Nachlaß ihres Vaters auf der Nase. Als sie fertig war, saß sie in der Stille des Turmes und merkte, daß ihre Wangen naß waren. Sie wischte sie ab. Sie begann wieder.
Am achtzehnten Tag träumte sie von Kaspar. Er stand in der Küche des alten Hauses und schälte Äpfel, so wie er es immer getan hatte, in einer einzigen langen Spirale, ohne den Faden zu reißen. Er sprach nicht. Er sah sie nicht an. Die Spirale fiel auf den Boden und wurde eine Schlange und verschwand unter dem Herd.
Am neunundzwanzigsten Tag kam ein Fuchs aus dem Wald und saß eine Stunde lang vor dem Turm. Elsa beobachtete ihn durchs Fenster. Er saß vollkommen still. Dann stand er auf und verschwand zwischen den Bäumen, und der Schnee, wo er gesessen hatte, sah aus wie eine Frage.
Am vierundvierzigsten Tag glaubte sie zum ersten Mal, daß nichts antworten würde. Nicht weil sie naiv gewesen war, sondern weil die Stille sich verändert hatte. Sie war voller geworden. Dichter. Eine Stille, die drückte.
Am siebenundvierzigsten Tag löschte sie das Feuer im Ofen und saß in der Kälte und dachte an ihren Vater. An seine Hände, die so aussahen wie ihre. An die Art, wie er bei Tisch die Messer immer parallel zueinander ordnete. An das letzte Mal, daß er sie gelehrt hatte, eine Gleichung aufzulösen, geduldig, ohne Ungeduld, als hätte die Zeit keine Macht über ihn.
Die Kälte blieb. Sie zündete das Feuer wieder an.
In der Nacht des neunundvierzigsten Tages konnte sie nicht schlafen. Das Gerät war ausgeschaltet — es gab keine Sonne in der Nacht, und ohne Sonne war die Apparatur nichts als Kupfer und Glas. Sie saß am Schreibtisch mit dem Buch ihres Vaters und las die Formel, die ihr immer am dunkelsten erschienen war: die Beschreibung des solaren Koronaphänomens, bei dem die Energie nicht verloren geht, sondern von der Oberfläche der Sonne zurückgestrahlt wird, in veränderten Frequenzen, wie ein Echo aus einem tieferen Raum.
Um drei Uhr in der Frühe begann das Gerät zu zittern.
Es war ausgeschaltet. Das war das erste, was sie dachte — sie stand auf und überprüfte es zweimal, dreimal. Die Schalter standen auf Null. Der Kupferdraht war kalt. Und doch zitterte das Gerät, kaum wahrnehmbar, wie eine Saite, die jemand aus großer Entfernung angeschlagen hat.
Dann begann die Schreibmaschine auf dem Nebentisch — eine alte, träge Maschine, die sie manchmal für Briefe benutzte, die sie nie abschickte — zu tippen. Einmal. Zweimal. In unregelmäßigen Abständen, mit langen Pausen dazwischen, die keine Pausen für Finger waren, sondern für etwas anderes, etwas, das in einer anderen Zeitlichkeit atmete.
Elsa stand sehr still.
Sie nahm das Notizbuch vom Regal — ein schmales, schwarzes Heft, das sie noch nicht benutzt hatte. Sie setzte sich vor die Schreibmaschine und begann aufzuschreiben, was die Tasten tippten. Buchstaben waren es nicht. Zahlen auch nicht, genau. Es waren Muster. Abstände. Verhältnisse. Eine Sprache, die noch keinen Namen hatte, aber einen Rhythmus besaß, der ihr Herz in eine merkwürdige Ruhe versetzt hatte — nicht die Ruhe des Schlafes, sondern die der Erkenntnis, die man noch nicht versteht.
Sie schrieb die ganze Nacht.
Als die Sonne aufging, waren zweiundzwanzig Seiten voll. Die Schreibmaschine schwieg. Das Zittern des Gerätes hatte aufgehört. Draußen saß kein Fuchs im Schnee.
Elsa saß mit dem Notizbuch auf den Knien und betrachtete, was sie geschrieben hatte. Die Muster sahen ihr an wie etwas, das wartet. Sie hatte das Gefühl, daß sie sehr vorsichtig sein mußte — daß jede falsche Bewegung etwas verändern würde, das sich nicht zurückverändern ließ.
Sie verstand die Muster nicht. Noch nicht.
Das war das Schlimmste.
Denn sie hatte ihr ganzes Leben Dingen vertraut, die sie verstand. Die Zahlen ihres Vaters. Die Regelmäßigkeit der Sterne. Die Gleichgültigkeit der Mathematik, die niemandem gehört und alle gleich behandelt. Diese Muster — sie gehörten ihr nicht. Sie kamen von woanders. Und das Woanders war so groß, daß sie die Kälte spürte, obwohl das Feuer noch brannte.
Sie stand auf. Sie ging zu dem kleinen Schrank unter dem Schreibtisch, in dem sie die wenigen Dinge aufbewahrte, die sie an das alte Leben erinnerten: ein Band mit Noten ihrer Mutter, die Lupe ihres Vaters, ein Brief, den Kaspar ihr geschrieben und den sie nie geöffnet hatte.
Sie legte das Notizbuch dazu. Sie schloß den Schrank. Sie drehte den Schlüssel um.
Der Schlüssel war klein und alt und hatte einen Knebel aus gebogenem Eisen.
Sie steckte ihn in die Tasche ihrer Schürze.
Der Wald draußen stand reglos in der frühen Morgensonne. Die Bäume warfen lange Schatten auf den Schnee, so genau wie Zeiger auf einem Zifferblatt, und der Schatten des Turmes war der längste von allen, und er deutete nach Osten, als wollte er etwas sagen, und Elsa sah ihn an, und dann wandte sie sich ab und wusch sich die Hände, sehr gründlich, als hätte sie etwas berührt, das man nicht berühren sollte.
Das Feuer knisterte. Das Wasser im Becken war kalt.
Sie trocknete die Hände und sah aus dem Fenster und sprach kein Gebet, denn sie betete nicht. Aber sie dachte an ihren Vater, und an die Stille zwischen den Zahlen, die keine Leere ist.
Und dann dachte sie: Was habe ich getan.