Chapter 1: Enlistment Papers, Signed in Rage

Das Formular hatte drei Seiten. Ich unterschrieb am Ende der dritten, ohne die erste gelesen zu haben.

Das war vor drei Jahren. Ich war sechzehn und meine Hände zitterten nicht, was ich damals für Stärke hielt. Jetzt weiß ich, dass Hände auch dann nicht zittern, wenn man betäubt ist. Wenn man einen Zustand erreicht hat, der Entschlossenheit imitiert, ohne es zu sein. Der Beamte, der das Formular entgegennahm, schaute nicht auf. Er hatte ein Gesicht, das ich vergessen habe, obwohl ich direkt davor stand. Er stempelte die Seiten der Reihe nach ab — drei Schläge, gleichmäßig wie Herzschläge — und legte die Mappe in einen Stapel zu seiner Linken, der bereits kniehoch war.

So viele Sechzehnjährige, dachte ich damals nicht. Das denke ich jetzt.

Die Einberufungsstelle des Aufklärungskorps lag in einem Backsteingebäude am Rand von Trost, so nah an Wall Rose, dass man, wenn der Wind von Osten kam, den Farn riechen konnte, der an der Mauerinnenseite wuchs. Kein Schild über dem Eingang. Nur eine Holztür, deren Farbe abblätterte, und darunter das Schaben der Wartenden auf dem Steinboden. Ich hatte die Nacht zuvor in einem Graben vor der Stadt verbracht, weil mir das Geld für eine Unterkunft fehlte, und ich roch nach Lehm und nach etwas Süßlichem, das ich mir nicht erklären konnte und das mir erst Wochen später auffiel, als ich denselben Geruch auf dem Feld zum ersten Mal wieder in der Nase hatte.

Ich weiß nicht mehr, was ich mir vorgestellt hatte. Nicht Fahnen, soviel ist sicher. Nicht Reden. Vielleicht gar nichts — vielleicht hatte mein Kopf aufgehört, sich etwas vorzustellen, und das war das eigentliche Problem.

Meine Mutter war vier Monate zuvor gestorben. Nein — gestorben ist das falsche Wort. Gestorben klingt nach Bett und Fieber und jemand, der die Hand hält. Was mit ihr geschah, war etwas anderes. Wir lebten im Arbeiterviertel nahe Wall Maria, als die äußere Mauer fiel. Ich war zwölf. Ich erinnere mich an das Geräusch — nicht an den Einschlag, sondern an das, was danach kam, das Schweigen von mehreren Sekunden, in dem die ganze Stadt den Atem anhielt, bevor das Schreien begann. Ich erinnere mich an meine Mutter, die mich an der Hand aus dem Haus zerrte. Ich erinnere mich an das Zittern des Bodens unter Schritten, die zu groß für Schritte waren. Und dann eine Biegung in der Straße, und dann war ich allein, und das war das Ende dieser Geschichte.

Vier Jahre lang hat die Wut mich warm gehalten. Das ist keine Metapher. Ich meine es buchstäblich: sie saß in der Brust wie eine Kohle, und an Abenden, an denen das Essen knapp war und der Ofen kalt blieb, habe ich mich an ihr gewärmt. Sie war das Verlässlichste, was ich besaß.

Sie hat mich in das Backsteingebäude getragen. Nicht Pflichtgefühl, nicht Ideal, nicht die Reden der Offiziere, die auf den Plätzen standen und von Wiedereroberung sprachen und deren Uniformknöpfe in der Sonne blinkten. Nur die Kohle in der Brust und das Bedürfnis, endlich in eine Richtung zu laufen.

Der Beamte trug meinen Namen in ein Buch ein. Jäger, Erik. Geburtsdatum. Wohnort: keiner von Belang. Nächste Angehörige: keine. Die letzte Zeile schrieb er ohne zu stocken, und ich merkte, dass dies keine Ausnahme war. Die meisten kamen mit dieser Zeile.

Dann: eine Nummer auf einem Papierstreifen, ein Korridor, eine Tür am Ende des Korridors, und dahinter die Kaserne.

Sie roch nach nassem Holz und nach Männern, die lange in denselben Kleidern geschlafen hatten. Dreißig Pritschen, in zwei Reihen, an den Wänden entlang und in der Mitte. Die meisten waren bereits belegt — nicht mit schlafenden Körpern, sondern mit dem kleinen Inventar junger Menschen, die ihren Platz in der Welt markierten: eine Jacke hier, ein Rucksack dort, ein Paar Stiefel unter der Bettkante. Die Lampen an der Decke brannten in einem Gelbton, das kränklich war, und draußen vor dem schmalen Fenster am Ende der Reihe lag der Hinterhof des Gebäudes, mit einer Regentonne und einem Karren ohne Räder.

Ich fand eine freie Pritsche in der zweiten Reihe. Warf meinen Beutel auf die Matratze, die so dünn war, dass ich das Holz darunter spürte, und setzte mich.

Auf der Pritsche gegenüber saß ein Junge und las.

Das war das erste, was mir auffiel: nicht sein Gesicht, sondern das Lesen. Nicht aus einem Buch — er hatte kein Buch, ich sah später, dass er in der Kaserne nie ein vollständiges Buch besaß, immer nur Seiten, herausgerissene Seiten aus Dingen, die andere weggeworfen hatten. Er hielt drei solcher Seiten in der Hand und las sie mit einer Konzentration, die den Lärm um ihn herum vollständig ausschloss. Jemand schrie am anderen Ende der Kaserne irgendeinen Witz, und zwei Stimmen lachten, und der Junge mit den Seiten bewegte keine Wimper.

Er war schmächtig. Nicht auf eine Weise, die er zu verbergen versuchte, sondern auf eine Weise, die aussah, als habe er es längst aufgegeben, sich darüber zu sorgen. Braune Haare, die ihm in die Stirn hingen. Hände, die mehr nach einem Schreiber aussahen als nach einem Soldaten. Auf seiner linken Schläfe war eine alte Narbe — nicht von einer Klinge, eher die Art, die entsteht, wenn man als Kind gefallen ist und niemand rechtzeitig die Wunde sauber gemacht hat.

Er schaute auf, irgendwann. Unsere Blicke trafen sich ohne Absicht.

„Arno", sagte er. Keine Geste dazu. Nur der Name, als Information.

„Erik."

Er nickte und senkte den Blick wieder auf seine Seiten. Das war die Begrüßung. Ich fand sie angemessen.

Die Pritsche links von mir war leer, und eine Stunde verging, in der Leute ein und ausgingen und die Kaserne sich mit dem Lärm von Menschen füllte, die einander noch nicht kannten und deshalb zu laut redeten. Dann, ohne dass ich gehört hatte, wie die Tür sich öffnete, saß auf der linken Pritsche ein Mädchen und schnürte ihre Stiefel auf.

Sie machte es mit derselben gleichmütigen Genauigkeit, mit der man eine Aufgabe erledigt, die man schon tausendmal erledigt hat. Zuerst der linke, dann der rechte, die Senkel aufgerollt und ordentlich über den Stiefeln abgelegt. Sie hatte kurzes, dunkles Haar, das so geschnitten war, dass es im Weg nicht stören konnte. Kein Gepäck außer einem kleinen Beutel, kaum größer als eine Feldflasche.

Ich weiß nicht, wann ich aufgehört habe, sie anzusehen. Sie war einfach da, und das genügte irgendwie als Tatsache.

Sie sagte nichts. Nicht an diesem Abend. Mika, erfuhr ich später, sagte selten etwas, das nicht gefragt worden war, und auch dann nur so viel, wie die Antwort erforderte. Ich habe das am Anfang für Kälte gehalten. Ich habe viele Dinge falsch gehalten, am Anfang.

Die Kaserne füllte sich weiter. Irgendwann brachte jemand Brot und eine wässrige Suppe in einem Eimer, und die, die Schüsseln hatten, benutzten sie, und die anderen tranken aus dem Eimer selbst. Ich hatte keine Schüssel. Arno gab mir seine, nachdem er selbst getrunken hatte, ohne zu erklären warum, und ich nahm sie ohne zu fragen. Später, als ich die leere Schüssel zurückgab, trug er sie weg und stellte sie unter seine Pritsche. Auch das ohne ein Wort.

Das waren die ersten drei Stunden meines neuen Lebens.

Am späten Abend, als die Lampen heruntergedreht wurden und die Geräusche sich in das umwandelten, was dreißig Körper machen, wenn sie versuchen zu schlafen — Husten, Umdrehen, das Knarzen von Holzlatten — schaute ich zum letzten Mal durch die Kaserne.

Am anderen Ende, weit von den Pritschen entfernt, saß ein Mann auf einem Stuhl, den er aus dem Dunkel gezogen hatte. Er saß mit dem Rücken zur Wand, was ich damals nicht als Gewohnheit erkannte, die aus etwas anderem gewachsen war als Bequemlichkeit. Er war alt für diesen Raum — nicht in Jahren, aber in der Art, wie er Raum einnahm, als habe er längst aufgehört, Eindrücke von der Umgebung abzuwarten. Sein Hals trug Narben, die im schwachen Restlicht der Lampe wie getrocknetes Flussbett aussahen. Er schärfte ein Messer auf einem Wetzstein, in gleichmäßigen Zügen, ohne auf die Klinge zu schauen.

Er schaute auf — nicht zu mir, einfach in den Raum — und ich hatte das Gefühl, er sehe etwas, das ich noch nicht sehen konnte.

Dann senkte er den Blick wieder auf das Messer.

Ich legte mich auf die Pritsche und starrte an die Decke, wo ein feuchter Fleck die Form einer Halbinsel hatte, die ich nicht kannte. Draußen war die Mauer — Wall Rose, sechzig Meter Stein, die zweite der drei Grenzen, hinter denen die Menschheit lebte, seit die äußere gefallen war. Dahinter lag Kreuzfeld und Trost und all die anderen Dörfer, deren Namen man auf Karten noch lesen konnte, auch wenn die Karten längst stimmten wie Grabinschriften. Und davor, auf der anderen Seite, lagen die Titanen.

Ich schlief nicht.

Die Wut in meiner Brust brannte wie immer. Ich hatte einen Platz gefunden, wo ich sie hinbringen konnte.

Das musste genügen. Es genügte lange. Aber das wusste ich damals noch nicht — ich meine, ich wusste noch nicht, dass auch die Wut endlich ist. Dass man sie verbrauchen kann, Stück für Stück, bei jedem Feldzug, in jedem Schlamm, bis eines Tages nichts mehr brennt und man trotzdem weiterläuft, weil man vergessen hat, wie man aufhört.

Die Lampen wurden vollständig gelöscht. In der Dunkelheit hörte ich Arnos gleichmäßigen Atem und das Schweigen von Mikas Seite, das sich von Schlaf nicht unterschied.

Am anderen Ende des Raumes scharrte der Wetzstein noch immer.

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Chapter 1: Enlistment Papers, Signed in Rage — Jenseits der Mauern nichts Neues | GenNovel