Chapter 1: Konrad's Bequest

Der Rabe saß auf dem leeren Stuhl.

Niemand hatte ihn hereingelassen, und niemand wusste, wann er gekommen war; aber als Albrecht von Waldenfels an jenem Morgen die große Halle seines Vaters betrat, saß das Tier auf der hohen Rückenlehne des Patriarchenstuhls und betrachtete ihn mit der unverhohlenen Gleichgültigkeit eines Wesens, das über die Bedeutung von Symbolen erhaben ist. Albrecht scheuchte es mit einer Handbewegung fort. Der Rabe flog ohne Eile davon, als tue er dem Manne einen Gefallen, und hinterließ auf dem dunklen Eichenholz eine einzige weiße Spur, die in der Kälte des frühen Morgens wie eingefroren stand.

Es war der dreizehnte Tag des Herbstmondes, und in den Hochpässen nördlich von Waldenfels hatte der erste Frost die Steine bereits mit einer Schicht blinden Eises überzogen, dünn wie Absicht, gefährlich wie Versprechen. Albrecht konnte es riechen: jenen schneidenden, metallischen Geruch, der dem eigentlichen Winter um Wochen vorauseilt und den Männern, die ihr Leben in diesen Bergen verbracht haben, mehr bedeutet als jeder Kalender. Er war siebenunddreißig Jahre alt und kannte jeden Ton dieser Halle – das Knacken der Dielen unter seinen Schritten, den heiseren Zug der Luft durch den schlecht sitzenden Fensterrahmen im Westflügel, den Geruch von altem Holz und erloschener Asche, der sich in den Wänden festgesetzt hatte wie eine zweite, unsichtbare Tapisserie. Er kannte diesen Raum so gut, wie man nur etwas kennt, das man niemals besessen hat.

Denn dieser Stuhl – der Patriarchenstuhl, aus dem er eben den Raben vertrieben hatte – war immer der Stuhl seines Vaters gewesen. Und bis zu jenem Morgen war es ihm nie als merkwürdig erschienen, dass er selbst, der nunmehrige Erbe des Hauses Waldenfels, im Angesicht dieses Möbels stets wie ein Besucher stand.

Konrad von Waldenfels ließ seinen Sohn warten.

Es war keine Grausamkeit – dazu fehlte dem alten Mann sowohl die Neigung als auch die Phantasie –, sondern schlicht die Gewohnheit eines Lebens, das in der Überzeugung verbracht worden war, dass nur das Notwendige getan werde und das Notwendige seine Zeit brauche. Albrecht stand am Fenster und sah auf den Innenhof hinab, wo zwei Stallknechte Streit über die Hufe eines Grauschimmels hatten; einer der Männer schlug schließlich die Hände zusammen und gab nach, mit jener spezifischen Körperhaltung des Bekümmerten, der keine Energie mehr für seinen Kummer aufbringt. Im Osten, über den Felsrücken der Hochkämme, lag der Himmel in einem blassen, farblosen Grau, das weder Wolke noch Licht war, sondern jener eigenartige Zwischenzustand, in dem die Hochlandnatur den Menschen mitteilt, dass sie sich für keine Jahreszeit entschieden hat und auch nicht vorhaben, es zu tun.

Dann kam Konrad.

Er bewegte sich mit jenem langsamen, vollkommen beherrschten Schritt, den er sein Leben lang kultiviert hatte und der nun, da die Jahre ihm die Wahl gelassen hatten zwischen Würde und Geschwindigkeit, seinen wahren Charakter offenbarte: Es war kein Schritt mehr, der Kraft vorspiegelte. Es war ein Schritt, der mit Kraft nichts mehr zu beweisen hatte. Er war dreiundsechzig Jahre alt, und er sah jeden einzelnen davon, aber auf jene Art, die nicht Verfall bedeutet, sondern Sedimentation – als seien die Jahrzehnte schichtweise in sein Gesicht gepresst worden wie Gestein, das unter seinem eigenen Gewicht zu etwas Dauerhafterem geworden ist.

„Du hast den Vogel verjagt", sagte er, ohne seinen Sohn zu begrüßen. Sein Blick fiel auf die weiße Spur auf der Stuhllehne.

„Er saß auf deinem Platz."

„Er schadet nicht."

„Er hat —"

„Er schadet nicht." Konrad setzte sich, mit der umständlichen Sorgfalt eines Mannes, der gelernt hat, seinen Körper als Verhandlungspartner zu behandeln. Die Dielen stöhnten. Er legte beide Hände flach auf die Knie und betrachtete seinen Sohn mit jenen Augen, die Albrecht seit seiner Kindheit so gut kannte und die er nie ganz begriffen hatte: hellgrau, ruhig, ohne erkennbare Wärme und ohne erkennbare Kälte, als seien sie nicht dazu bestimmt, Gefühle auszudrücken, sondern Zustände zu registrieren.

„Setz dich."

Albrecht setzte sich ihm gegenüber, auf dem Schemel, der seit je her für Gäste und Söhne reserviert war – jene Stühle ohne Lehne, die in ihrer spartanischen Konstruktion die nordische Überzeugung verkörpern, dass Bequemlichkeit der Aufmerksamkeit abträglich sei. Ein Diener erschien mit Brot, Schmalz und zwei Bechern des dunklen Gerstenbiers, das in Waldenfels Keep zu jeder Stunde des Tages als angemessenes Getränk galt, und verschwand so lautlos, wie er gekommen war. Konrad schenkte dem Essen keine Beachtung.

„Der Bote ist gestern Nacht eingetroffen", sagte er. „König Eberhards Brief liegt dort."

Er deutete mit dem Kinn auf den Tisch neben dem Fenster, wo ein Schreiben mit dem königlichen Siegel lag, bereits erbrochen. Albrecht stand auf, nahm es und las.

Es war kurz. Briefe aus Karanthor, der großen Hauptstadt im Süden, pflegten entweder sehr lang zu sein – verschachtelt in Höflichkeiten, bis der eigentliche Inhalt wie eine Fliege im Bernstein begraben war – oder sehr kurz, was bedeutete, dass kein Raum für Missverständnisse gelassen werden sollte. Dieser Brief war kurz. König Eberhard Rauenburg, Herrscher über das Haus Stennach und durch das Haus Stennach über die mittleren und südlichen Provinzen des Kontinents Verethion, ernannte Albrecht von Waldenfels zum Kronhüter von Karanthor, mit sofortiger Wirkung und mit der Erwartung, dass der Genannte sich binnen dreier Wochen am Hofe einzufinden habe. Die Formulierung war gewählt, die Tinte war frisch, und irgendwo zwischen den Zeilen, in dem Weißraum, den höfische Sprache für die Dinge reserviert, die sie nicht ausspricht, stand geschrieben, dass dies keine Einladung war.

Albrecht legte den Brief zurück und wandte sich um. „Es ist eine Ehre", sagte er.

Konrad antwortete nicht sofort. Er hob seinen Becher, trank, stellte ihn wieder ab. Es war, wie alles an ihm, eine Bewegung ohne Überfluss.

„Es ist eine Aufgabe", sagte er schließlich. „Ob sie ehrenvoll ist, entscheidet sich daran, wie du sie erfüllst."

Das war, erkannte Albrecht, das Höchste, das Konrad von Waldenfels jemals über eine Sache sagen würde: dass sie eine Aufgabe sei. In der Sprache dieses Mannes bedeutete das mehr als Begeisterung, mehr als Ehrgeiz, mehr als die jubelnden Worte, mit denen andere Väter andere Söhne in andere Dienste entlassen mochten. Es bedeutete: Dies ist wirklich. Dies zählt. Dies wird gemessen.

„Die Kinder kommen mit?" fragte Konrad.

„Ruprecht, Hedwig, Marta – ja. Ein Kronhüter ohne Familie am Hofe ist ein halber Mann."

„Ein halber Mann", wiederholte Konrad, und in dem kurzen Schweigen, das folgte, war etwas, das Albrecht nicht ganz greifen konnte und das er, wie er es von klein auf gelernt hatte, nicht versuchte zu benennen. Sein Vater hatte ihm beigebracht, dass Gefühle, die keinen Namen brauchten, auch keinen verdienten.

Die Halle war kalt. Das Feuer im großen Kamin – ein Kamin, in dem Albrecht als Junge hätte stehen können, ohne sich bücken zu müssen – brannte träge, als tue es seinen Dienst ohne Überzeugung, und der Rauch zog nicht sauber nach oben, sondern hing in flachen Schichten unter den Balken, blau und still. Irgendwo im Nordturm schlug eine Tür. Der Wind, der durch den Hochlandspalt westlich des Keeps pfiff, hatte an diesem Morgen jenen eigentümlichen Ton angenommen, den die Männer der Gegend als das Singen der Pässe bezeichneten – nicht weil er schön war, sondern weil er an etwas erinnerte, das einmal schön gewesen sein mochte, bevor die Kälte es in Klage verwandelt hatte.

Konrad stand auf. Er ging – langsamer als früher, mit jener neuen Behutsamkeit, die Albrecht in den letzten zwei Jahren an ihm bemerkt hatte, ohne je davon zu sprechen – zu einem Wandschrank in der Nische neben dem Kamin und öffnete ihn. Was er herausnahm, war kein Schwert und kein Siegel; es war ein kleines, in grauem Leder gebundenes Buch, so abgegriffen, dass die Ecken nicht mehr als Ecken erkennbar waren, sondern als runde, weiche Stellen, an denen die Zeit geduldig gearbeitet hatte.

„Das war deines Großvaters", sagte er und hielt es Albrecht hin. „Und davor dessen Vaters. Es ist kein Buch der Klugheit – die Männer unseres Hauses hatten keine Gabe für Klugheit, die sich aufschreiben ließ. Es ist ein Buch der Entscheidungen. Jeder Waldenfels, der es gehalten hat, hat darin notiert, was er in der entscheidenden Stunde getan hat. Nicht warum. Was."

Albrecht nahm das Buch entgegen. Es war leichter, als er erwartet hatte. Er schlug es auf einer beliebigen Seite auf und las die Handschrift seines Großvaters – kantig, ohne Verzierungen, die Buchstaben dicht aneinandergedrängt wie Männer in einer Schildwall-Linie –: Dem Boten befohlen umzukehren. Der Vertrag verworfen. Dies war der Preis.

Er schloss das Buch.

„Was soll ich damit tun?"

„Es festhalten", sagte Konrad. „Und es lesen, wenn du nicht weißt, was ein Waldenfels in einer gegebenen Stunde tut."

Es war gemeint als die einfachste und klarste Anweisung, die ein Vater einem Sohn geben konnte: Halte fest, was ist. Handle, wie die, die vor dir waren, gehandelt hätten. Ein Mann von Waldenfels tut, was getan werden muss; er fragt nicht, ob die Welt ihn dafür lobt, weil die Welt dafür nicht zuständig ist. Dies war die Essenz dessen, was Konrad in dreiundsechzig Jahren gelernt, gelebt und an seinen Sohn weitergegeben hatte, diese vollständige und in sich geschlossene Weltanschauung, die so lange tadellos funktioniert hatte, solange die Welt die Freundlichkeit besessen hatte, sich nach ihr zu richten.

Albrecht steckte das Buch in seine Rocktasche, mit der selbstverständlichen Geste eines Mannes, der eine Pflicht übernimmt.

„Ich werde in drei Tagen aufbrechen", sagte er.

„Zwei."

Albrecht sah seinen Vater an.

„Der König wartet seit dem Boten. Zwei Tage", sagte Konrad, und in dieser Verkürzung um einen einzigen Tag lag mehr Respekt vor dem König Eberhard Rauenburg als in jedem Huldigungsschreiben, das das Haus Waldenfels je gesandt hatte. Nicht Ehrerbietung – die hatte Konrad nie für einen König aufgebracht, den er nie gesehen hatte und von dem er wenig Gutes gehört hatte –, sondern das Prinzip der Dienstpflicht selbst: Man war zwei Tage, weil zwei Tage besser war als drei.

Der alte Mann setzte sich wieder. Er griff nach dem Brot und brach sich ein Stück ab, mit jenen großen, sehnigen Händen, die Albrecht sein Leben lang als den unveränderlichsten Teil seines Vaters betrachtet hatte: Hände, die Schwerter gehalten und Pflüge und sterbende Männer und neugeborene Kinder, und die von keiner dieser Erfahrungen sichtbar verändert worden waren, als sei es ihnen gelungen, die Zumutungen der Zeit zu absorbieren, ohne sie anzunehmen.

„Albrecht."

„Ja."

Konrad kaute. Er schien eine Weile zu überlegen, ob das, was er sagen wollte, gesagt werden müsse; und dann schien er zu dem Schluss zu kommen, dass es, wenn überhaupt, jetzt gesagt werden müsse.

„Karanthor ist nicht hier."

Albrecht wartete auf mehr. Es kam nicht. Das war, verstand er, der ganze Gedanke: Karanthor ist nicht hier. In jenen drei Worten war eine Warnung, aber auch die spezifische Unfähigkeit seines Vaters, die Warnung auszuführen, weil er selbst nie in Karanthor gewesen war und weil die Sprache, in der eine solche Warnung hätte formuliert werden müssen, in dem Vokabular des Hauses Waldenfels schlicht nicht vorhanden war. Es gab in diesem Vokabular Worte für Treue und Pflicht und Ehre und Stärke und Schweigen und Entscheidung und Konsequenz. Es gab kein Wort für jene besondere Art der Lüge, die aussieht wie Wahrheit, weil sie in Höflichkeit gekleidet ist, bis die Höflichkeit selbst zur Lüge wird.

„Ich weiß", sagte Albrecht, und meinte es so.

Er ritt am zweiten Tag aus, früh am Morgen, als die Sonne noch keine Farbe hatte und die Konturen des Keeps gegen den blassen Himmel wie aus der Landschaft herausgeschnitten wirkten. Seine Kinder ritten hinter ihm: Ruprecht, siebzehn und bereits mit jener aufrechten, kontrollierten Körperhaltung im Sattel, die andeutet, dass ein junger Mensch aufgehört hat, sich an der Reiterschaft zu freuen, und begonnen hat, sie als Aussage zu begreifen; Hedwig, zwölf, deren großes ruhiges Gesicht unter der Kapuze hervorschaute mit einem Ausdruck, der aufmerksamer war als der Anlass erforderte; und die kleine Marta, acht Jahre, die schläfrig und leicht gereizt in ihrem Sattel saß und auf die Frage, ob sie kalt sei, mit einem kurzen und endgültigen Nein antwortete.

Konrad stand im Tor.

Er sagte nichts. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte; alles weitere wäre Sentimentalität gewesen, und Sentimentalität war in diesem Vokabular nicht nur nicht vorhanden, sondern aktiv verdächtig. Er hob eine Hand, kurz, und ließ sie wieder sinken. Albrecht erwiderte den Gruß auf dieselbe Art, und dann wandte er sein Pferd und ritt in den Morgen hinein, in den beginnenden Winter, nach Süden, in eine Welt, für die er genauso ausgestattet war wie ein Mann in schwerem Kettenhemd für die Tiefe eines Sees.

Der Weg bog sich um die erste Felszunge, und die Waldenfels Keep verschwand hinter Stein und Föhren.

Konrad blieb noch eine Weile im Tor stehen, die Hände an den Seiten, und sah in die Richtung, in der die Reiter nicht mehr zu sehen waren. Der Rabe – derselbe oder ein anderer, es ließ sich nicht sagen – saß auf dem Torpfosten über seinem Kopf und betrachtete die leere Straße mit der Sachlichkeit eines Wesens, das zwischen Abschiednehmen und Vergessen keinen bedeutsamen Unterschied kennt.

In Waldenfels Keep würde in dem Winter, der nun begann, ein Brief ankommen: der erste seiner Briefe von Albrecht aus Karanthor, voller ernsthafter Beobachtungen und akkurater Fehleinschätzungen, der Brief eines Mannes, der eine neue Welt mit den Augen einer alten beschreibt und das Missverhältnis für ein Problem der Beschreibung hält. Konrad würde ihn lesen, ihn falten und ihn in die Truhe legen, in der er die Dokumente des Hauses aufbewahrte. Einen zweiten Brief würde er nicht empfangen.

Was er stattdessen empfangen würde – oder nicht mehr empfangen würde, da ihn der letzte Winter vor diesem Wissen bewahrte, mit einer Gnade, die das Schicksal dem alten Mann als erstes und einziges Zugeständnis erwies –, ist eine andere Sache, die zu seiner Zeit erzählt werden wird.

Jetzt aber stand er noch im Tor und sah in die leere Richtung, und die Luft roch nach Frost und Föhren und dem fernen, eisigen Atem der Pässe, die sich in den nächsten Tagen schließen würden wie eine Hand.

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Chapter 1: Konrad's Bequest — Das Erbe des Eisernen Stuhls | GenNovel