Die Wüste östlich des Sandmeeres hatte keine Jahreszeiten im Sinne, den ein Bewohner der nördlichen Hochlande unter diesem Begriff verstanden hätte. Was sie hatte, waren Grade der Unbarmherzigkeit: Monate, in denen die Hitze tötete, wenn man sie ließ, und Monate, in denen sie lediglich erschöpfte, wenn man ihr gestattete, auch das zu tun. Die Nächte blieben kalt das ganze Jahr, mit einer Kälte, die anders beschaffen war als die des Nordens — trockener, sauberer, ohne die feuchte Schwere, die dem Frost von Verethion seine besondere Trostlosigkeit verlieh. Der Himmel über dem Lager der Kharaki-Krieger war in jenen Morgenstunden, da der Stammesfürst Kharak seinen letzten Atemzug getan hatte, von einer Klarheit, die fast obszön wirkte, zu hell und zu gleichgültig für das, was darunter geschah.
Viridiane Auranthos hatte neben dem Körper ihres Mannes gesessen — er war über Nacht gestorben, wie die meisten Dinge in der Wüste, ohne ankündigende Dramatik — und hatte sich erlaubt, genau jenes Maß an Trauer zu empfinden, das die Situation ehrlich forderte. Es war nicht viel. Kharak war ein Mann von beträchtlicher Kraft und keinerlei Zartheit gewesen, und die Ehe, in die er sie gekauft hatte, hatte sie beides gelehrt: die Kraft zu schätzen, die Zartheit nicht zu vermissen. Sie hatte von ihm gelernt, wie Männer geführt werden wollten — nicht durch Argumente, sondern durch die Gewissheit, dass derjenige, der vor ihnen stand, mehr zu verlieren hatte als sie selbst und es trotzdem nicht vermied. Dafür schuldete sie ihm etwas, das sie im Stillen Respekt nannte, ohne das Wort laut auszusprechen, da sie wusste, dass es unter diesen Männern eine schwächere Münze war als Furcht.
Sie hatte gewartet, bis die Sonne vollständig aufgegangen war, dann hatte sie sich erhoben, die Gewänder geordnet und den Eingang des Zeltes geöffnet.
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