Konrads Stuhl stand am Kopf des Tisches, und niemand hatte ihn weggeräumt.
Das war keine bewusste Entscheidung gewesen — oder doch, aber von der Art, die sich als bloßes Versäumnis verkleidet, weil niemand die Verantwortung für die Absicht übernehmen wollte. Bernward hatte den Stuhl gesehen, als er die Halle betrat, und war weitergegangen. Falk von Steynach hatte ihn gesehen und seinen Blick abgewendet, wie man den Blick von einem Toten abwendet, dem man nichts schuldet und dem man trotzdem nichts schulden möchte. Die Männer der anderen Clans — Hartmann, Riedenbach, die beiden Söhne des alten Merzbach, die seit dem Tod ihres Vaters jede Versammlung gemeinsam besuchten, als könnten sie ihn auf diese Weise doppelt ersetzen — hatten den Stuhl zur Kenntnis genommen mit jener schnellen, seitlichen Aufmerksamkeit, die kein Eingeständnis ist und doch alles eingesteht.
Konrad von Waldenfels war vor drei Wochen gestorben, an einem frühen Novembermorgen, in seinem eigenen Bett, wie es Männern seines Schlages selten vergönnt war. Die Hausfrau Grete, die ihn gefunden hatte, sagte später, er habe ausgesehen wie jemand, der eine Arbeit abgeschlossen habe und nun warte, dass dies zur Kenntnis genommen werde. Sein letzter Brief — an Albrecht, vier Seiten in der gleichmäßigen, etwas steifen Handschrift des alten Mannes — lag noch auf dem Schreibtisch, weil niemand gewusst hatte, wohin man ihn schicken sollte. Nicht weil Albrechts Aufenthaltsort unbekannt gewesen wäre; im Gegenteil. Aber Briefe an Gefangene in Karanthor kamen nicht an, und wenn doch, dann nachdem sie jemand anderes gelesen hatte, und was Konrad geschrieben hatte, war nicht für andere Augen bestimmt gewesen. So lag der Brief. Der Stuhl stand. Das eine ergab das andere.
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