Chapter 1: The Devil at Faust's Threshold

Der Regen traf das Fensterglas wie kleine Fäuste.

Faust saß an seinem Schreibtisch und hörte dem Rhythmus zu, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch — Schopenhauer, Der Wille und das Nichts, eine Randbemerkung seiner eigenen Hand vom Jahr 1987 — doch seine Augen bewegten sich nicht über die Seite. Sie ruhten irgendwo zwischen den Zeilen, in dem weißen Raum, in dem keine Antwort stand.

Das Arbeitszimmer roch nach altem Papier und erkalteter Pfeifenasche. Auf den Regalen drängten sich Bände in vier Sprachen, ihre Rücken verblasst und abgegriffen, und auf dem Fensterbrett stapelten sich Zeitschriftensonderdrucke aus Jahrzehnten, die Faust längst nicht mehr zählte. Einmal, vor langer Zeit, hatte jedes dieser Bücher etwas versprochen. Jetzt standen sie schweigend da wie Zeugen eines Prozesses, der nie zu einem Urteil gefunden hatte.

Er war achtundsechzig Jahre alt. In fünf Wochen würde er neunundsechzig sein, aber dieser Gedanke hatte aufgehört, irgendeine Empfindung in ihm auszulösen.

Der Regen verstärkte sich. Draußen über den nassen Dächern Heidelbergs schwelte der Herbst. Faust stand auf, nicht weil er ein Ziel hatte, sondern weil Stillsitzen unerträglich war, und trat an das beschlagene Fenster. Durch das Kondenswasser hindurch sah er die verschwommenen Lichter der Altstadt, das Glimmen der Gaslaternen auf dem Pflaster, die dunkle Silhouette der Heiliggeistkirche gegen den tintenfarbenen Himmel. Eine Stadt, die schöner war als ihr Bürger sie noch sahen.

Er hatte dreißig Jahre hier gelehrt. Philosophie und Naturwissenschaften, die großen Fragen der Erkenntnistheorie, das Verhältnis von Geist und Materie. Er hatte Bücher geschrieben, die in Fußnoten weiterlebten. Er hatte Schüler gehabt, die heute selbst Professoren waren und seinen Namen in Vorlesungen nannten — mit einer gewissen Ehrerbietung, die schon nach Vergangenheit schmeckte, wie der höfliche Hinweis auf einen Verstorbenen.

Faust legte die Stirn gegen das kalte Glas.

Er wusste nicht, wann er aufgehört hatte, an seinen eigenen Gedanken Freude zu empfinden. Es war kein Ereignis gewesen, kein Datum, das er hätte benennen können. Nur ein langsames Versiegen, wie ein Brunnen, der tiefer geht, als das Wasser reicht.

Es klopfte nicht.

Das war das Erste, was Faust bemerkte — nicht die Gestalt, die plötzlich in seinem Zimmer stand, sondern die absolute Abwesenheit eines Klopfens davor. Keine Treppe hatte geknarrt. Keine Tür war gegangen. Dennoch war er da.

Ein Mann. Schmal, Ende vierzig dem Äußeren nach, obwohl dieses Urteil irgendwie sofort irreführend wirkte, wie eine Jahreszahl in der falschen Zeitzone. Er trug einen dunklen Anzug von einer Qualität, die nicht zur Universität gehörte, und einen Schal aus dem, was Kaschmir sein mochte oder auch etwas Älteres, das Kaschmir sich erst ausgedacht hatte. Das Haar trug er zurückgekämmt. Das Gesicht war schmal und höflich aufmerksam, und die Augen — graue Augen, dachte Faust, obwohl er nicht sicher war, ob Grau das richtige Wort war — hatten den ruhigen, leicht amüsierten Ausdruck eines Mannes, dem selten etwas entgeht und dem noch seltener etwas etwas ausmacht.

"Herr Professor Faust," sagte er.

Die Stimme war angenehm. Eine Konzerthaus-Stimme, geschmeidig, präzise. Man hätte ihr gerne zugehört, wenn man nicht gleichzeitig gespürt hätte, dass sie daran gewöhnt war, gehört zu werden.

Faust wandte sich langsam vom Fenster ab. Er bemerkte, dass sein Herzschlag unverändert war, und dieser Umstand erschien ihm merkwürdiger als die Anwesenheit des Fremden.

"Sie sind eingebrochen," sagte Faust.

"Ich bin hier," korrigierte der Fremde mild.

Er trat näher und betrachtete die Bücherregale mit der entspannten Aufmerksamkeit eines Mannes in einer Galerie, der das meiste schon kennt. Dann nahm er, ohne zu fragen, den alten Ledersessel in Besitz, der seit Jahren niemandem mehr als Sitzgelegenheit gedient hatte — er hatte zuletzt als Ablage für nicht beantwortete Briefpost und einen Stapel Seminarprotokolle aus dem Wintersemester fungiert. Der Fremde setzte sich, ohne auf die Papiere zu achten, und sie rutschten zu Boden, ohne dass er den Blick gesenkt hätte.

"Ich mag diesen Raum," sagte er. "Er riecht nach wirklicher Arbeit. Nach aufrichtigem Versuch. Das ist seltener, als man erwarten würde."

Faust verschränkte die Arme. "Was wollen Sie?"

"Mit Ihnen sprechen." Der Fremde lächelte. Ein sehr kleines Lächeln, das nichts Warmes hatte, aber auch nichts Feindseliges — eher das Lächeln eines Schachspielers, der den ersten Zug seines Gegners vorhersieht und es für unnötig hält, das zu verbergen. "Ich komme mit einem Angebot, Herr Professor. Oder sagen wir: mit einer Einladung zur Diskussion."

"Ich nehme keine unangekündigten Besuche entgegen."

"Nein," räumte der Fremde ein. "Das ist eine Ihrer besseren Eigenschaften. Sie haben das Nein gelernt. Oder Sie glauben es zumindest." Er schlug die Beine übereinander. "Mein Name ist Mephisto. Sie können mich gerne den ganzen Abend nach Ausweisen fragen, aber ich befürchte, das würde uns beiden die Zeit stehlen, die wir für Wichtigeres verwenden könnten."

Faust kannte den Namen. Natürlich kannte er ihn — er hatte dreißig Jahre Philosophie unterrichtet, hatte Goethe kommentiert, hatte in einer frühen Seminararbeit über den Teufelspakt als epistemologische Metapher geschrieben, als wäre es die abstrakteste Übung der Welt. Jetzt stand die Metapher in seinem Arbeitszimmer und justierte den Sitz seines Kaschmirschals.

"Das ist keine Unterhaltung, die ich führen möchte," sagte Faust.

"Noch nicht," gab Mephistopheles zu. "Aber Sie werden mir erlauben, den Inhalt meiner Einladung darzulegen, bevor Sie sie ablehnen. Das ist nur vernünftig. Und Sie sind ein vernünftiger Mann — das ist ja gerade das Problem."

Er stand wieder auf, als wäre Sitzen nur eine kurze Konzession gewesen, und trat zu dem Regal mit Fausts eigenen veröffentlichten Werken. Vier Bände. Der erste aus dem Jahr 1979, hellblauer Einband, der Titel in einer Schrifttype, die schon damals altmodisch gewesen war. Die Finger des Fremden fuhren über die Rücken, ohne etwas zu berühren — oder fast ohne. Faust hatte das Gefühl, er betrachtete Zähne und zählte Kariesstellen.

"Sie haben in Ihrem Leben versucht, das Wesen der Erkenntnis zu verstehen," sagte Mephistopheles. Seine Stimme war noch immer gleich — angenehm, präzise, mit einer Leichtigkeit, die schwerer wog als Ernsthaftigkeit. "Sie haben Kant gelesen und Hegel und Spinoza und zwanzig Männer weniger, die das Gleiche schlechter sagten. Sie haben in Laboren gestanden und in Bibliotheken und haben die Atommechanik ebenso aufmerksam studiert wie die Mystik des dreizehnten Jahrhunderts. Sie wollten — verzeihen Sie den schlichten Ausdruck — wissen. Wirklich wissen. Nicht so, wie man eine Formel auswendig lernt. Sondern so, wie man begreift."

Er drehte sich um. Die grauen Augen ruhten auf Faust wie eine Waage.

"Ich biete Ihnen das an."

Faust antwortete nicht sofort. Er trat zu seinem Schreibtisch, nicht weil er etwas dort suchte, sondern weil er Bewegung brauchte — irgendetwas, das nicht Stehen-und-zuhören war. Er schob das aufgeschlagene Schopenhauer-Buch zur Seite. Die Seite schlug zu.

"Weiter," sagte er.

Mephistopheles schien das nicht als Zustimmung zu werten und nicht als Widerstand. Er schien es genau für das zu halten, was es war: die Reaktion eines Mannes, der trotz allem nicht anders kann, als zuzuhören.

"Unbeschränkter Zugang zu Wissen," sagte er. "Nicht im übertragenen Sinne. Nicht als Metapher für akademischen Fleiß. Ich meine die Dinge, die kein Mensch weiß und die die meisten Menschen nicht wissen können — die Struktur der Materie unterhalb dessen, was Ihre Teilchenbeschleuniger sehen. Die Mechanik des Bewusstseins, von der Ihre Hirnforschung nur den Schatten auf der Höhlenwand betrachtet. Die Geschichte, die nicht aufgeschrieben wurde, weil die, die sie erlebt haben, tot waren bevor sie zu Papier kommen konnten." Er hielt inne. "Jugend. Oder das, was Ihnen von ihr wichtig ist — die Kapazität des Körpers, mit dem Geist Schritt zu halten. Die Schlaflosigkeit, die Sie derzeit quält, würde aufhören. Und mehr."

"Und dafür?"

"Das übliche," sagte Mephistopheles, und in diesem Augenblick lag eine Müdigkeit in der Formulierung, die Faust überraschte. Nicht Müdigkeit als Schwäche. Eher die Müdigkeit eines Mannes, der eine Frage zum achttausendsten Mal hört. "Die Seele. Nichts Körperliches, keine Schmerzen, keine Verpflichtungen während Ihres Lebens. Nur das Danach. Ein Danach, das Sie sowieso nicht mit Gewissheit kennen."

Der Regen traf das Fenster. Die Gaslaternen draußen schwankten im Wind.

Faust saß jetzt. Er wusste nicht, wann er sich gesetzt hatte, aber er saß an seinem Schreibtisch, und seine Hände lagen flach auf dem alten Holz, und er betrachtete die Fingerkuppen, als wären sie ihm fremd. Alte Hände. Tintenflecke an den Rändern der rechten Hand, die nicht mehr vollständig herausgingen.

Er dachte an das, was Mephistopheles aufgezählt hatte. Nicht als Verlockung — oder jedenfalls sagte er sich, dass es keine Verlockung war. Als Inventur. Als hätte jemand eine Bibliothek betreten, die er selbst nie vollständig durchsucht hatte, und die Regale benannt.

Er dachte an eine Nacht vor dreißig Jahren, in der er bis vier Uhr morgens an einem einzigen Satz gearbeitet hatte, einem einzigen Satz über die Relation zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit, und wie es sich angefühlt hatte, als er ihn endlich hatte: wie das Öffnen eines Fensters in einem Raum, von dem man nicht gewusst hatte, dass er stickig war. Er dachte daran, wie selten er dieses Gefühl seither gespürt hatte. Wie es dünner geworden war, wie ein Signal, das mit zunehmender Entfernung verschwand.

"Nein."

Das Wort kam heraus, bevor er es vollständig entschieden hatte. Oder vielleicht war die Entscheidung so alt, dass sie keiner Überlegung mehr bedurfte — nicht Tapferkeit, nicht Tugend, einfach der Mechanismus einer Haltung, die tiefer saß als sein Wille.

Mephistopheles sagte nichts.

"Nein," sagte Faust noch einmal, weil das erste Mal zu leise gewesen war, zu beiläufig. Er hob den Kopf. "Ich lehne ab."

Die Stille, die folgte, war von einer eigentümlichen Qualität. Mephistopheles stand noch immer am Regal, die Hände locker an den Seiten, und sein Gesicht — das Faust jetzt aufmerksam betrachtete, zum ersten Mal wirklich betrachtete — zeigte nichts, was Faust kannte. Keine Enttäuschung. Kein Zorn. Nicht einmal die performative Gelassenheit, die er erwartet hätte. Stattdessen etwas, das er nur als Irritation beschreiben konnte — nicht die laute, sondern die stille Art, das leichte Stirnrunzeln eines Mannes, der ein Faktum vorfindet, das nicht in seine Kategorie passt.

"Das ist ungewöhnlich," sagte Mephistopheles schließlich.

"Gehen Sie."

Noch eine Pause. Dann neigte Mephistopheles leicht den Kopf — eine Geste, die aussah wie Höflichkeit und sich anfühlte wie etwas ganz anderes — und wandte sich zur Tür. Diesmal benutzte er sie, das war das Seltsamste: Er ging durch die Tür, die Faust nicht gehört hatte sich öffnen, und die sich hinter ihm schloss mit dem ganz gewöhnlichen Klicken eines Türschlosses.

Faust saß still.

Der Regen.

Dann, langsam, stieg aus dem Raum — aus der Luft, aus den Wänden, aus irgendwo, das kein Wo hatte — ein Geruch auf. Schwach, fast nicht vorhanden, und doch unmistakable: Schwefel, der alte chemische Geruch, der an verbrannte Streichhölzer erinnerte und an etwas darunter, etwas älter als Streichhölzer.

Er löste sich auf, wie Gerüche es tun, ohne Abschied.

Faust legte beide Hände flach auf den Schreibtisch und betrachtete die Wände des Zimmers, die Bücher, das aufgeschlagene Schopenhauer, die umgekippten Seminarprotokolle auf dem Boden, den leeren Sessel. Er wartete auf das Gefühl, das kommen sollte — Erleichterung, Stolz, irgendetwas, das nach Richtigkeit schmeckte.

Es kam nicht.

Stattdessen saß er in der Stille und spürte etwas, das er nicht sofort benennen konnte. Nicht Reue — nein. Noch nicht. Aber die Ahnung von Reue, der Schatten, den sie warf, noch bevor sie selbst eingetroffen war. Das Wissen, dass das Nein eine Tür geschlossen hatte, die er nie selbst geöffnet hatte, und dass er die Tür nun kennen würde für immer — ihre Farbe, ihre Maße, das Gewicht ihrer Angeln — und sie würde geschlossen bleiben, und er würde wissen, was auf der anderen Seite gewesen wäre.

Nicht wissen. Aber glauben zu wissen. Das war das Schlimmste.

Er schob den Stuhl zurück. Stand auf. Trat ans Fenster.

Heidelberg lag im Regen, schön und gleichgültig, und die Lichter brannten in den nassen Steinen wie Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hatte.

Faust legte die Stirn gegen das Glas.

Er war kein Held. Helden spürten etwas, wenn sie das Richtige taten. Er spürte nur den Beginn von etwas, das er noch nicht kannte — eine Wunde, die noch keinen Namen hatte, die sich langsam und methodisch öffnete, so gleichmäßig und unaufhaltsam wie das Wasser, das draußen an den alten Mauern der Stadt hinabfloss.

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Chapter 1: The Devil at Faust's Threshold — Der verworfene Pakt | GenNovel