Der Morgen kam nicht als Licht. Er kam als das allmähliche Verstummen der Dunkelheit.
Aldric bewegte sich durch das Unterholz, lautlos wie der Rauch eines erloschenen Feuers. Seine Pfoten fanden den moosbedeckten Boden mit einer Vertrautheit, die älter war als jede bewusste Erinnerung — ein Wissen, das tiefer saß als der Geist, im Fleisch, im Knochen, in der feinen Kartografie seiner Muskeln. Der Wald kannte ihn. Er kannte den Wald. Diese Gegenseitigkeit war das einzige Gesetz, das zählte.
Dann traf ihn der Geruch, und er stand still.
Frisches Harz. Gesägtes Holz. Die wässrige, fast kindliche Note des getrennten Kambiums, das noch nicht begriffen hatte, dass es sterben würde.
Er hob die Schnauze in den grauen Morgen und las, was dort geschrieben stand.
Die Eichen waren gefallen. Nicht die alten, nicht die mit dem gefleckten Rindenmuster, die er seit einem halben Jahrhundert kannte — nein, noch waren jene sicher. Aber die äußere Reihe, jene mittleren Bäume zwischen zwei und drei Menschenaltern alt, die in ihrer Jugend noch den Rand des menschlichen Feldes gesehen hatten und seitdem gewachsen waren, immer dichter, immer tiefer in ihr eigenes Schweigen hinein — die lagen nun. Neun. Zehn. Elf Stümpfe, wenn er die Biegung miteinschloss. Er musste nicht hinzugehen, um sie zu zählen. Der Wind hatte sie bereits für ihn aufgelistet.
Er ging trotzdem hin.
Die Stümpfe standen wie abgehauene Köpfe in der Dämmerung, flach und rund und unsäglich weiß in ihrem frischen Querschnitt. Jeder einzelne sickerte noch — ein langsames, klares Sekretion, das die Jahresringe nachzeichnete wie Tränen, die eine Schrift folgen, die kein Mensch mehr lesen kann. Aldric umkreiste den nächststehenden Stumpf, senkte die Schnauze bis auf einen Fingerbreit über das Holz und atmete.
Siebzig Jahre. Vielleicht etwas mehr.
Er wich zurück, setzte sich, betrachtete die Reihe.
In seinem rechten Hinterbein lebte ein alter Schmerz, eine Steifheit, die bei Kälte schärfer wurde und die er niemals vollständig ignorieren konnte. Das war der erste Ring. Zwanzig Jahre zurück, damals als die Ostseite des Waldes fiel — die langen, schlanken Buchen, die im Herbst goldener brannten als alles andere, die Bäume, die die Hörner des Waldgeistes gewesen waren. Er hatte damals drei Tage auf dem Schnee gelegen, die aufgesprungene Erde unter sich, und hatte zugehört, wie sich das Netz unter der Erde veränderte — langsamer jetzt, tastender, als versuche es, die Lücke zu überbrücken und könne nicht.
Im linken Schulterblatt saß eine Narbe, die das Fell unregelmäßig wachsen ließ. Das war der zweite Ring. Die Nadelholzreihe im Norden, vor zwölf Jahren, ein Winter, der kein Winter gewesen war — zu mild, zu still, zu sehr nach dem Geruch von Sägemehl und Maschinen, die er noch immer nicht vollständig einordnen konnte. Der Mann mit der Motorsäge hatte ihn gesehen und geworfen, was er in der Hand hielt. Ein kleines Messer. Es hatte nicht tief getroffen, aber es hatte getroffen.
Und dann der dritte Ring, von dem er heute Morgen las: die innere Eichenreihe, die er gestern noch intakt gewusst hatte. Nicht mehr.
Er trat auf einen der Späne, die rund um den Stumpf lagen wie Scherben eines zerbrochenen Tellers. Unter seiner Pfote gab er nach — weich, frisch, von einer Feuchtigkeit, die noch keine Verwesung war, nur das Ende.
Der Waldgeist regte sich.
Er spürte es nicht als Bewegung und nicht als Klang — er spürte es als eine Veränderung im Druck hinter seinem linken Auge, ein leises, rhythmisches Pochen, das aus dem Boden aufzusteigen schien wie das Echo eines sehr alten Herzschlags. Sie war da. Immer noch da. Schwächer, ja. Verzögerter in ihrer Antwort, als hätte die Stille zwischen Aktion und Reaktion zugenommen, so wie ein Gesprächspartner langsamer zu antworten beginnt, wenn die Erschöpfung sich setzt. Aber da.
Aldric wandte sich nach innen, nach Süden, nach dem Herzen des Waldes zu, und ließ den Blick eine Weile in dieser Richtung ruhen. Die alten Buchen standen noch. Die Linden im mittleren Gürtel, die Hainbuchen, die Eiben mit ihren lautlos giftigen Beeren — alles noch. Der Kernwald atmete noch. Aber er hörte jetzt die Stümpfe, die er nicht sehen konnte.
Er begann seinen Rundgang.
Das war es, was er tat, jeden Morgen seit Jahrzehnten: Er zog die Grenze nach, kartografierte mit Nase und Pfote, was noch da war und was nicht mehr. Einst hatte er dabei den gesamten äußeren Ring in einem Halbtag abschreiten können, ein langer Bogen durch altes Grün, der ihn erschöpft und gesättigt zurückließ. Jetzt war der Weg kürzer. Jedes Jahr kürzer. Die Grenze, die er bewachte, rückte näher an das heran, was er nicht verlieren durfte, und er trug dieses Näherkommen in seinem Körper wie eingemeißeltes Gestein.
Er passierte die Stelle, wo früher ein Bach gelaufen war. Jetzt war dort nur noch der Abdruck eines Baches — eingetiefte, feuchte Erde, moosige Mulden, die Erinnerung des Wassers in der Form, die das Wasser hinterlassen hatte. Der Bach selbst war nach Osten umgeleitet worden, vor fünf Jahren, durch Gräben, die der Holzhändler hatte ziehen lassen. Er roch die alten Entwässerungskanäle auch jetzt noch, das Metall der Werkzeuge, die rostigen Nägel eines Brückchens, das längst morsch war. Sein Körper erinnerte sich an den Geruch frischen Wassers an dieser Stelle. Sein Körper schwieg darüber.
Die Sonnenscheibe stieg tiefer in das Grau des Morgens, noch nicht als Licht, eher als eine diffuse, milchige Aufhellung, die den Nebel nicht auflöste, sondern nur durchleuchtete. Die Pilze auf den gefallenen Stämmen glänzten feucht. Ein Specht irgendwo im Mitteldunkel hämmerte drei kurze Schläge und hörte auf. Der Wald hielt inne.
Aldric hielt inne.
Er drehte den Kopf, die Ohren aufgerichtet, die Nase in den leichten Wind gerichtet, der vom Waldrand hereinzog.
Dort.
Schwach. Weit. Aber eindeutig.
Seife — die menschliche, süße Seife, die an Kindern haftet, weil sie damit gewaschen werden und sich nicht vollständig dagegen wehren können. Brot, frisch, mit einer leichten Körnernote, die auf Roggen hindeutete. Und darunter, tiefer, eingebettet in etwas Wollenes oder Gewebtes: etwas Fremdes. Kein Geruch, den der Wald kannte. Ein chemischer Hauch, kaum wahrnehmbar, wie Tinte, aber nicht ganz Tinte — spröder irgendwie, mineralischer, nach dem Geruch eines Mannes, der etwas festhalten will.
Er stand sehr still.
Ein Kind. Am Waldrand. Auf dem Weg nach innen.
Er kannte diesen Weg. Er kannte alle Wege. Der, von dem der Windhauch sprach, war der südliche Pfad, jener, der an den alten Grenzsteinen vorbeiführte und schließlich zu dem Haus mit dem Kräuterdach am anderen Rand des Waldes endete. Ein Weg, den seit Jahren kaum jemand gegangen war. Ein Weg, den er kennen musste wie eine alte Wunde.
Aldric setzte sich nicht in Bewegung. Er wartete.
Der Geruch des Kindes wurde ein wenig stärker. Ein Schritt. Noch einer. Das Gewicht der Schritte war klein, die Gangart ungleichmäßig — ein Wesen, das das Unterholz noch nicht vollständig lesen konnte, das stolperte und sich korrigierte und weitermachte, weil Weitermachen das war, was man ihm gesagt hatte.
Er wartete noch eine Weile.
Dann drehte er sich, langsam, und begann die Stümpfe der jungen Eichen zu umkreisen, die Schnauze auf Bodenhöhe. Er las die Spuren der Männer im Boden — schwere Stiefel, mehrere, die breiten Rillen von Schleifspuren, wo Stämme aus dem Wald herausgezogen worden waren. Frisch. Gestern. Vielleicht vorgestern. Der Tau hatte die Spuren noch nicht vollständig eingeebnet.
Er folgte dem Rand des neuen Kahlschlags mit einem Auge für die Lücke, die entstanden war — die Öffnung in der Baumreihe, durch die jetzt der Himmel sah, dort, wo gestern noch Kronendach gewesen war. Eine solche Öffnung war eine Einladung. Oder ein Versprechen.
Der Geruch des Kindes kam durch diese Öffnung.
Seife. Brot. Und jenes andere Ding, das er nicht benennen konnte, aber erkannte — das Ding, das in Stoff eingenäht war, das kleiner als eine Hand sein musste und dennoch nach etwas roch, das größer war als der Wald selbst.
Aldric setzte sich an den Rand des Kahlschlags, hinter das letzte stehende Gebüsch, und wartete.
Der Morgen hellte auf. Die Stümpfe weinten weiter, lautlos, in das noch unberührte Erdreich.