Der Weihrauch hatte die Vorhänge des Thronsaals bereits seit drei Stunden geschwängert, als Konrad von Waldenfels endlich an der Reihe war.
Er stand am Ende des roten Läufers und wartete, die Hände vor dem Leib gefaltet, mit der geduldigen Reglosigkeit eines Mannes, der gelernt hat, dass Zeremoniell kein Respekt ist, sondern eine Ausdauer. Um ihn herum vollzog der Hof von Aethoria das Schauspiel seiner eigenen Bedeutung: Herolde in zinnoberroten Röcken, deren Stimmen sich unter den Gewölben der Domburg brachen, Kammerjunker mit Schriftrollen aus Pergament, deren Ränder vergoldet waren, weil vergoldete Ränder die Ernsthaftigkeit des Inhalts bezeugten, wie alle Beteiligten stillschweigend und ohne Überzeugung glaubten. Die Kronleuchter brannten, obwohl es Mittag war. Licht war hier keine Notwendigkeit, sondern Aussage.
Konrad bemerkte, dass seine Stiefel auf dem Parkett leise quietschten, wenn er das Gewicht verlagerte. Er verlagerte es nicht mehr.
König Aldric saß auf dem Thron der Sieben Marken, einem Möbelstück von beachtlicher Höhe und zweifelhafter Bequemlichkeit, und trug den Gesichtsausdruck eines Mannes, der gewohnt war, dass die Welt ihn ernstnimmt, und der diese Gewohnheit inzwischen mit Ernst selbst verwechselte. Er war Mitte vierzig, breitschultrig, hatte in jüngeren Jahren Jagden geritten, von denen noch heute Wandteppiche zeugten, und ließ seit einiger Zeit die Verwalter seines Haushalts entscheiden, was sein Haushalt tat. Er war kein schlechter König. Er war auch kein besonders guter. Er war die Art von König, für die ein umsichtiger Erster Ratgeber unentbehrlich war, weshalb der Posten seit zwei Jahren vakant geblieben war und die Regierung des Reiches in dieser Zeit von einer höfischen Kommission geführt worden war, die ihre Sitzungen fleißig protokolliert und wenig sonst.
Der Herold rief Konrads Namen. Es klang wie die Nennung eines Ortes, nicht eines Menschen.
Konrad von Waldenfels setzte sich in Bewegung. Er war zweiundfünfzig, schlank auf die Art, die nicht Jugend verrät, sondern Gleichmaß, und trug das Schwarz der Waldenfels-Linie mit der selbstverständlichen Strenge eines Mannes, dem Farbe als Behauptung stets verdächtig gewesen war. Das silberne Wappen auf seiner Brust, drei Eichen über einer geschlossenen Faust, war von einer handwerklichen Nüchternheit, die am Kressberger Hof gelegentlich für schlechten Geschmack gehalten wurde und am Waldenfels-Sitz für unverbesserlichen Stolz.
Er kannte den Unterschied zwischen beiden Urteilen und betrachtete ihn als unbedeutend.
Der Läufer nahm seinen Schritt auf, ohne Geräusch. Links und rechts die versammelten Würdenträger, Ratsmitglieder, Gesandten der südlichen Provinzen, Herren aus den Ostmarken, deren Augen ihn mit jenem höfischen Interesse maßen, das nie Wohlwollen ist und nie ganz sein Gegenteil. Er kannte die meisten ihrer Gesichter. Er wusste von den meisten ihrer Schulden. Beides war für die Ausübung des Amtes nützlich, das er annehmen würde, und er hatte lange genug gelebt, um zu wissen, dass Nützlichkeit allein noch kein Grund zur Beruhigung war.
Die Kniescheiben schmerzen, wenn man sich vor einem König auf das Parkett senkt, ohne Kissen. Konrad kniete trotzdem, mit der bewussten Gleichmäßigkeit eines Mannes, der entschieden hat, dass körperliche Kommentare zur Würde einer Zeremonie nichts beitragen. Er hörte das leise Murmeln der Höflinge, das Rauschen von Seide, das Knistern von Wachs.
Der König sprach die vorgeschriebene Formel. Konrad hörte zu, wie er Amtsdokumenten zuhörte: mit vollständiger Aufmerksamkeit und ohne den Wunsch, sie zu verändern.
Dann die Übergabe des Siegels.
Es war ein Ring, schwer, älter als der gegenwärtige König und vermutlich auch als der vorhergehende, mit dem Kronsiegel Aethorias in dunkelroten Karneol geschnitten: ein Adler über gekreuzten Schwertern. Der Kanzler trat heran und hielt ihn auf einem Samtkissen dar, als handele es sich um ein Beweisstück. Konrad nahm ihn. Der Ring war kalt, kälter als er im Kerzenduft des Saals hätte sein sollen, und saß am Mittelfinger nicht ganz richtig, was eine Kleinigkeit war und keine.
Er stand auf.
Der Kanzler reichte ihm die Ernennungsurkunde, auf der sein Name in der schwerfälligen Schrift der Kanzleischreiber stand, und das Waldenfels-Wachs, orangerot in seiner Kapsel, wartete bereits erhitzt auf dem Tisch zu seiner Linken. Konrad nahm das Siegel seines Hauses — er hatte es vom linken Ringfinger gezogen, als er den Kronenring empfangen hatte, mit einer Bewegung, die er geübt hatte, weil er Fummelei in der Öffentlichkeit für eine Form der Verlegenheit hielt — und drückte es in das Wachs. Es dauerte drei Sekunden. Der Abdruck war sauber. Die drei Eichen, die geschlossene Faust.
Applaus erhob sich. Es war höflicher Applaus, kontrolliert wie alles in diesem Saal, aber echtes Klatschen liegt ohnedies nicht in den Mitteln des Zeremoniells.
Konrad blickte, eine unerlaubte Sekunde lang, auf seinen eigenen Siegelabdruck im Wachs. Er hatte nicht erwartet, in diesem Moment etwas Besonderes zu empfinden. Er empfand es trotzdem: nichts Festliches, nichts Triumphales, sondern die eigentümliche Stille eines Mannes, der gerade ein Dokument unterzeichnet hat, das er nur halb verstanden hat, weil man ihm nur die Hälfte gezeigt hat.
Er schloss diese Beobachtung in sich ein und trat zurück, um dem Herold die nächste Zeremonie zu überlassen.
Oben in der Galerie, die wie ein hölzerner Kragen um den oberen Rand des Saals lief, hatte Friedrich von Waldenfels die Hände um die Brüstung gelegt und lehnte vor, weit genug, um die Zeremonie in ihrer Gänze zu übersehen und nah genug, um Einzelheiten zu unterscheiden. Er war zweiundzwanzig, und er hatte in den vergangenen drei Jahren als Hofsohn der Krone gedient, was bedeutete, dass er mit den Söhnen anderer Hochadelshäuser am Tisch der Mächtigen gesessen und gelernt hatte, wie Macht riecht — nach Kerzenrauch, nach französischem Leder, nach dem besonderen Schweiß von Männern, die wissen, dass andere auf sie warten.
Er sah, wie sein Vater das Siegel in das Wachs drückte.
In diesem Moment — er hätte es nicht laut gesagt und hätte es vielleicht nicht einmal wortgenau gedacht — las Friedrich diesen Akt als das, was er wünschte, dass er war: den ersten Schritt einer Erbfolge. Die Waldenfels im Zentrum der Macht. Der alte Mann auf der Treppe zum Thron, und er selbst dahinter, wartend, bereit. Er war kein dummer junger Mann. Aber er war einer, der entschieden hatte, dass die Welt eine bestimmte Erzählung über ihn bereithielt, und diese Entscheidung hatte die Qualität seiner Beobachtungen seither um eine charakteristische Nuance verschlechtert.
Er sah nicht, was Mathilde sah.
Mathilde von Waldenfels war dreizehn und saß vier Plätze von Friedrich entfernt auf einer der hölzernen Galeriebänke, zwischen einer Hofdame, die sich langweilte, und einem Kammerherrn, der hüstelte. Sie war klein für ihr Alter, dunkel wie alle Waldenfels, mit Augen, die eine Eigenschaft besaßen, für die man kein höfliches Wort hat: Sie ruhten auf etwas, ohne Eile und ohne die performative Aufmerksamkeit, die höfische Erziehung für Aufmerksamkeit hält.
Sie schaute nicht auf das Siegel. Sie schaute auf ihren Vater.
Sie sah, wie Konrad aufstand. Wie er die Urkunde in der Hand hielt, einen Moment, der zwei Sekunden zu lang war. Wie er auf den Abdruck des Waldenfels-Wappens im Wachs hinuntersah, mit einem Gesicht, das technisch gesehen ausdruckslos war und das sie dennoch las wie einen Satz, den er zu vermeiden versucht hatte. Seine Schultern hatten eine Haltung, die sie kannte, weil sie sie an ihm beobachtet hatte, wenn er Abrechnungen prüfte, die nicht stimmten. Nicht Unruhe. Nicht Furcht. Etwas Genaueres: die Konzentration eines Mannes, der eine Unregelmäßigkeit entdeckt hat und noch keine Sprache dafür besitzt.
Sie war dreizehn. Sie besaß noch keine Sprache dafür.
Sie prägte sich das Bild trotzdem ein, mit der Sorgfalt, die sie auf Dinge verwandte, die sie nicht verstand, weil sie früh gelernt hatte, dass Unverstandenes nicht verschwindet, wenn man es ignoriert, sondern nur schwerer zu greifen wird, wenn man es später braucht. Sie würde es später brauchen. Das wusste sie noch nicht genau, aber sie wusste etwas in der Art.
Der Herold rief zum nächsten Akt. Konrad wandte sich um und trat zu seinem Platz, und sein Gesicht war wieder das gewöhnliche Gesicht ihres Vaters: ruhig, sachlich, minimal.
Mathilde schaute auf ihre Hände. Sie hatte kein Notizheft dabei — man brachte keine Notizbücher in den Thronsaal, das war keine Regel, die je ausgesprochen worden war, aber Mathilde kannte Regeln, die nicht ausgesprochen wurden — und so saß sie und ließ den Abdruck in sich selbst sinken, die Art, wie man einen Stein in den Brunnen fallen lässt und auf das Echo wartet.
Ihr Vater hatte soeben das höchste Amt des Reiches angenommen.
Er hatte dabei ausgesehen wie ein Mann, der die Bedingungen eines Vertrags unterschreibt, den er nicht vollständig erhalten hat.
Die Zeremonie dauerte noch eine weitere Stunde. Es wurden Reden gehalten, Toast auf die Gesundheit des Königs und des neuen Ersten Ratgebers ausgebracht, und ein Kanzleischreiber trug die Ernennungsurkunde ab, um sie zu den Akten zu geben. Friedrich blieb bis zum Schluss in der Galerie und applaudierte an den richtigen Stellen, laut genug, dass man es hörte. Konrad stand am Tisch der Würdenträger und beantwortete Fragen mit der Ökonomie eines Mannes, dem Fragen immer als Zumutungen erschienen sind, die man dennoch höflich erledigt.
Als man schließlich die Haupttüren öffnete und der Hof sich in die angrenzenden Salons ergoss, trat ein älterer Ratsmitglied zu Konrad und gratulierte ihm mit der Herzlichkeit, die man einem Mann gegenüber aufwendet, von dem man weiß, dass seine Gunst bald etwas wert sein wird.
Konrad dankte ihm, nannte ihn bei dem richtigen Titel, und wartete, bis der Mann sich abgewandt hatte.
Dann tat er etwas, das niemand bemerkte, weil es sich um einen sehr kleinen Vorgang handelte: Er sah auf den Kronenring an seiner rechten Hand. Er drehte ihn einmal um den Finger. Der Karneol blinkte kurz im Kerzenlicht.
Dann ließ er die Hand sinken und folgte den anderen in den Salon.
Der Weihrauch hing noch immer in der Luft, dicker jetzt, schwerer, ein Geruch, der an Beständigkeit erinnern soll und der, wie Mathilde später einmal schreiben würde, immer zuerst das Haar durchdringt und dann, wenn man es nicht mehr bemerkt, bereits alles andere.