Die Fackeln im großen Saal von Grimfels hatten seit dreißig Jahren an jedem Jahreswendeabend in derselben Reihenfolge gebrannt: zuerst jene am Haupttor, dann die entlang der Treppenwangen, schließlich die zwölf im Speisesaal selbst, eine für jeden Monat des vergehenden Jahres. Edmund von Wulfenstein entzündete sie eigenhändig, stets in derselben Folge, mit derselben Birkenholzfackel, die er anschließend dem jüngsten Knappen überreichte — ein kleiner, vollkommen unnötiger Ritus, den er als sakral betrachtete und den sein Haushalt, soweit irgend möglich, zu teilen lernte.
An diesem Abend brannte die sechste Fackel noch in seiner Hand, als der Reiter durch das Burgtor jagte.
Der Lärm kam zuerst als Schall über den Burghof — Hufeisen auf Pflasterstein, das dumpfe Rufen der Wachen, dann das Zuschlagen einer Seitentür. Edmund wandte den Kopf, senkte die Fackel nicht. Sein Kammerherr Albrecht, ein hagerer Mann, dessen gesamte Existenz aus kleinen Verbeugungen und kleineren Flüstertönen zu bestehen schien, trat durch die Holzvertäfelung heran und beugte sich so nah heran, als teile er ein Geheimnis der Staatsräson.
„Ein Bote aus Kronhal, Mylord. Er trägt das große Siegel."
Edmund betrachtete die Flamme seiner sechsten Fackel. Das Wachs tropfte, gleichmäßig und kalt, auf den Steinboden. Um ihn herum saßen seine Kinder an der Tafel — Rudolph an seiner Rechten, breitschultrig und rot vor Feuerglut, Mathilde mit gefalteten Händen und einem Lächeln, das nichts verriet, Hedwig ganz am Ende der Tafel, wo das Licht schon schummrig wurde, und die er, wie er sich nun erinnerte, seit dem Morgen kaum angesehen hatte.
„Sag dem Boten, er soll sich wärmen und essen. Ich komme, wenn die zwölf Fackeln brennen."
Albrecht hob die Brauen um den Bruchteil eines Fingernagelbreit. „Er besteht darauf, Mylord, die Nachricht sei dringlicher Natur."
„Jede Nachricht aus Kronhal ist dringlicher Natur", antwortete Edmund, und entzündete die siebte Fackel.
Es wäre ungerecht, zu behaupten, Edmund von Wulfenstein sei ein unsensibler Mann. Er besaß durchaus jene Art von Intuition, die bei alten Soldaten und Richtern anzutreffen ist — ein Gespür für die Schwere des Augenblicks, das er freilich stets durch den Begriff der Pflicht übersetzte und damit, wie der Beobachter anmerken möchte, neutralisierte. Er entzündete die verbleibenden fünf Fackeln mit der Würde eines Mannes, der sich nichts anmerken läßt, und empfing den königlichen Boten erst, als der Saal vollständig erleuchtet war.
Der Bote war ein junger Offizier mit dem Reinholt-Wappen am Mantelkragen, das Gesicht von der Kälte verbrannt, die Stiefel noch nass von Schnee, der auf dem Steinboden der Eingangshalle zu Pfützen schmolz. Er übergab das versiegelte Schreiben mit einer Verbeugung, die knapp, aber korrekt war, und trat zurück.
Edmund brach das Siegel ohne Hast. Er las zweimal, einmal rasch, einmal langsam, wie er es mit allen Dokumenten hielt, die irgend Wichtiges enthielten. Dann faltete er das Schreiben längs und legte es auf den Tisch neben sein Weinglas.
Aldric II., König von Aethoria, Wächter der Meerenge und Herr der zwölf Provinzen, entbot ihm, Edmund von Wulfenstein, Hüter des Nordens, seinen gnädigen Gruß und bat ihn, unverzüglich nach Kronhal zu kommen, um das Amt des Ersten Rates der Krone zu übernehmen, welches seit dem Tode des alten Grafen Hemmer seit vier Monaten verwaist sei.
„Gute Neuigkeiten?" fragte Rudolph von der Tafel her. Er hatte das Gespräch mit Albrecht beobachtet und seither die Augen auf seinen Vater gerichtet, mit dem unverhohlenen Interesse eines Mannes, der Geheimnisse nicht erträgt.
„Eine Berufung", sagte Edmund.
Der Saal war still. Draußen heulte der Dezemberwind durch den nördlichen Torbogen; man konnte ihn hören, wenn man genau horchte, als geisterhaftes Klagen, das die Bewohner von Grimfels seit Generationen lernten zu ignorieren und nie ganz konnten.
„Welcher Art?" fragte Mathilde. Ihre Stimme war ruhig, wie immer.
Edmund sah seine Kinder der Reihe nach an. Rudolph, vierundzwanzig, mit dem Kiefer seines Großvaters und der Ungeduld der Jugend in jedem Zug. Mathilde, zweiundzwanzig, schön auf eine Weise, die nichts preisgab. Hedwig, neunzehn, die ihn ansah mit Augen, die fragten, ohne daß der Mund sich öffnete — eine Angewohnheit, die ihn seit ihrer Kindheit unbehaglich berührte, ohne daß er hätte sagen können, warum.
„Der König wünscht mich als Ersten Rat in Kronhal."
Die Stille, die folgte, hatte verschiedene Beschaffenheiten. Rudolphs Stille war die des unterdrückten Kommentars; man konnte sehen, wie er die Worte im Mund drehte und sich beherrschte. Mathildes Stille war glatt und ohne Oberfläche. Hedwigs Stille war von der Art, die Fragen enthält, die nicht gestellt werden, weil die Person, die sie stellen könnte, bereits weiß, daß die Antwort sie nicht zufriedenstellen wird.
„Kronhal", sagte Rudolph schließlich, und in dem einen Wort lag eine ganze Theorie des Südens.
„Kronhal", bestätigte Edmund.
Rudolph lehnte sich zurück und trank. „Dann ist der alte Hemmer also wirklich tot. Ich hatte gehofft, er stirbt erst, wenn wir alle seinen Nachfolger vergessen haben."
„Hemmer war ein anständiger Mann."
„Hemmer war ein Vorsichtiger", sagte Rudolph. „Was in Kronhal auf dasselbe hinausläuft."
Edmund faltete die Hände auf dem Tisch. Es war eine Geste der Geduldübung, die seine Kinder seit der Kindheit kannten. „Der König braucht ehrliche Ratgeber."
„Der König", erwiderte Rudolph, und hier dämpfte er die Stimme auf jene gedrosselte Intensität, die er für Meinungen reservierte, die er für zu wichtig hielt, um sie zu schreien, „ist ein kranker Mann in einem schmutzigen Hof, umgeben von Reinholt-Vettern und Kronhal-Schmeichlern. Ein ehrlicher Ratgeber wird dort ungefähr so viel ausrichten wie eine Kerze im Nordwind."
„Dann", sagte Edmund, mit einer Ruhe, die jede Erwiderung beschloß, „wird er wenigstens brennen."
Hedwig sah von ihrem Teller auf. Sie hatte während des gesamten Gesprächs nicht gesprochen. Jetzt musterte sie ihren Vater mit einem Blick, der schwer zu beschreiben ist, weil er gleichzeitig Zuneigung und etwas enthielt, das in einem älteren Gesicht Resignation geheißen hätte. Sie war neunzehn. Es war zu früh für Resignation. Der Blick enthielt stattdessen, vielleicht, das Präzise und Unsentimentale einer Diagnose, die sie für sich behielt.
Sie sagte nichts.
In der Nacht, nachdem der Bote mit Antwortschreiben und gefüllten Satteltaschen abgeritten war, saß Edmund in seiner Bibliothek und betrachtete die Karte von Aethoria, die seit zwanzig Jahren an der Westwand hing. Die Karte war alt genug, um Städte zu verzeichnen, die inzwischen Ruinen waren, und Grenzen, die seither dreimal neu gezogen worden waren; er hatte sie dennoch nie austauschen lassen, teils aus Gewohnheit, teils aus einer gewissen Überzeugung, daß die Wahrheit sich nicht mit dem Kartenmaterial ändert.
Kronhal lag im Süden, einundzwanzig Tagereisen zu Pferde, an der Mündung des Silberstroms, wo das Land aufhörte, gebirgig zu sein, und eine breite, weitgehend gesichtslose Ebene begann, die Edmund in seiner Jugend einmal durchquert hatte und die ihm wenig hinterlassen hatte außer dem Eindruck, daß Länder ohne natürliche Grenzen auch ohne natürlichen Charakter sind.
Er öffnete das Fenster einen Spalt. Die Kälte trat sofort ein wie ein Besucher, der keine Einladung braucht. Draußen lag Grimfels in Schnee und Mondlicht; die Burgmauern warfen scharfe Schatten, und über dem nördlichen Turm hing der Grenzstein des Sternbilds, das seine Mutter ihm als Kind gezeigt hatte und dessen Namen er vergessen hatte.
Er hatte Grimfels in dreißig Jahren als Burgherr zweimal für länger verlassen. Beide Male für Kriege, die der König des jeweiligen Jahrzehnts als notwendig befunden hatte. Beide Male war er zurückgekehrt.
Er schloß das Fenster.
Der Erste Rat der Krone. Es war, wenn er ehrlich war — und er war stets ehrlich, das war seine ausgezeichnetste und verhängnisvollste Eigenschaft —, eine Aufgabe, für die er sich geeignet hielt. Nicht aus Eitelkeit. Aus einer nüchternen Einschätzung seiner Mittel: Er kannte das Recht, er kannte die Pflichten des Lehnsadels, er kannte die Grenzen der königlichen Prärogative und die Geschichte der fünfzehn Provinzen bis in die vierte Generation zurück. Er war nicht korrumpierbar. Das wußte er sicher. Und er hielt es, was ihn vom Beobachter unterscheidet, für einen ausreichenden Schutz.
Am Morgen des dritten Tages nach dem Eintreffen des Boten packte Edmund seine Satteltaschen. Es war nicht viel: die juristische Abhandlung des alten Professors Wenzel über das Erste Rat-Amt, vier Hemden, das verschlüsselte Verzeichnis der nördlichen Lehnsverhältnisse, das er für nützlich hielt, und das Miniaturbildnis seiner verstorbenen Frau, das er in die linke Brusttasche seines Rocks schob und über das er nicht sprach.
Rudolph wartete im Hof. Er hatte keine Abschiedsworte vorbereitet, was Edmund an ihm schätzte; Rudolph war kein Mann für Worte, wenn Worte nicht das Richtige waren. Stattdessen hielt er das Pferd, während Edmund aufstieg, und sagte, mit einem Blick auf die Burg hinter sich: „Grimfels ist gut geführt, solange ich hier bin."
„Das weiß ich", sagte Edmund.
„Schreib, wenn du kannst."
„Ich werde schreiben."
Eine Pause. Der Hof roch nach Pferdemist und frischem Schnee und dem Rauch aus der Küche, der seit Jahrhunderten denselben Weg durch den Schornstein nahm.
„Vater." Rudolphs Stimme war anders als sonst — tiefer, weniger moduliert, die Stimme, die er benutzte, wenn er aufgehört hatte, einen Eindruck zu machen. „Kronhal ist nicht Grimfels."
„Das", sagte Edmund, und nahm die Zügel in die Hand, „ist sein Mangel."
Er wandte das Pferd zur Torzufahrt.
Mathilde stand an der obersten Treppenstufe des Hauptgebäudes, die Hände vor dem Bauch gefaltet, gekleidet für den Morgen in einem grauen Wollkleid, das dieselbe Farbe hatte wie der Himmel. Sie sah ihrem Vater nach, wie er den Hof überquerte, und ihr Gesicht zeigte das, was ihr Gesicht immer zeigte: vollkommene Beherrschtheit, so gründlich, daß man nicht sagen konnte, ob darunter Schmerz war oder Frieden oder bloß weitere Beherrschtheit.
Sie winkte nicht.
Hedwig stand an der Seite des Tors, im Schatten des Torbogens, und Edmund sah sie erst, als er schon fast hindurchgeritten war. Sie hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, die Arme verschränkt, und sah ihn an mit jenem Blick, den er nie ganz hatte lesen können.
„Hedwig", sagte er und zügelte kurz das Pferd.
„Vater."
Er wartete auf mehr. Es kam nichts. Sie öffnete den Mund, schloß ihn wieder, und was dazwischen lag — die Frage, die sie nicht stellte — blieb ungesagt in der Winterluft zwischen ihnen hängen wie Atemhauch, der sich auflöst.
Er nickte ihr zu. Dann ritt er durch das Tor.
Die Straße nach Süden führte zunächst durch den Grimfels-Forst, einen alten Buchenwald, dessen Bäume im Dezember schwarz und kahl standen und den Weg überwölbten wie die Rippen eines zu groß gewordenen Schiffes. Der Schnee auf den Ästen dämpfte alle Geräusche. Edmund ritt allein; er hatte eine Eskorte von sechs Mann mitgenommen, die in respektvollem Abstand folgten, wie er es verfügt hatte.
Er ritt und dachte an den König, den er noch nie getroffen hatte. Aldric II. war siebzehn Jahre auf dem Thron, von Geburt an kränklich, von Natur aus, wie es hieß, gutartig und von einem Charakter, dem das Wort gütig in höflichen Kreisen als Euphemismus vorangestellt wurde. Er hatte keine Kriege angezettelt, was in Aethoria keine geringe Tugend war. Er hatte die Steuern nicht übermäßig erhöht. Er hatte die Kirche nicht beleidigt und den Adel nicht herausgefordert.
Er hatte, soweit Edmund es beurteilen konnte, nichts getan.
Was das bedeutete — ob es Weisheit war oder Lähmung, Güte oder bloße Abwesenheit —, würde er in Kronhal herausfinden. Er war der Überzeugung, daß ein ehrlicher Mann, ausgestattet mit der richtigen Kenntnis und dem richtigen Willen, einem kranken Hof nützen konnte. Diese Überzeugung war so fest in ihm verwurzelt, daß er sie nicht als Überzeugung erkannte, sondern als Tatsache.
Der Wald lichtete sich. Die Ebene öffnete sich vor ihm, weiß und endlos und ohne Merkmal, und die Straße nach Kronhal verschwand in ihr wie ein Gedanke, der noch ausgedacht werden muß.
Edmund von Wulfenstein ritt südwärts, im festen Glauben, gerufen worden zu sein.