Chapter One: The Summons from Goldenhall

Der Bote kam am dritten Tag des Eismonats, als der Schnee so tief lag, daß die Wachen auf der Nordmauer bis zu den Knien in ihm versanken und der Himmel über den Grauenfelsen jene undurchdringliche Weißlichkeit angenommen hatte, die nicht mehr von Wolken zu unterscheiden war.

Eddard von Steinmark stand im Burghof, als die Torflügel sich öffneten und das Tier hereintaumelte — ein Rappen, der kaum noch ein Pferd war, so ausgezehrt und vereist die Kreatur, daß man zuerst nur das goldene Abzeichen am Sattelzeug wahrnahm: das geflügelte Rad des königlichen Postdienstes. Der Reiter folgte unmittelbar danach, in seinen Steigbügeln hängend wie ein Mann, dem die Kraft zum Absitzen gefehlt hatte, so daß Eddards Stallmeister ihn auffangen mußte, ehe er zu Boden sank. Er roch nach tagelangem Ritt, nach Pferdeschweiß und dem scharfen, metallischen Geruch der Kälte, den jene kennen, die zu lange in ihr gereist sind.

»Aus Goldenhall«, sagte der Bote, ehe man ihn überhaupt gefragt hatte. Er reichte das Schreiben mit beiden Händen herüber, die Finger so steif, daß das Pergament zwischen ihnen klapperte wie trockenes Laub. Das Siegel war unversehrt — das dreifache Wachs in Scharlach, Blau und dem blassen Elfenbein des Hauses Hohenfeld, aufgedrückt mit jenem schweren Stempel, den man angeblich seit vier Generationen unverändert verwendete und dessen Abdruck die Briefe des Königs von denen seiner Sekretäre unterschied.

Eddard betrachtete das Siegel einen Augenblick lang, so wie er grundsätzlich Dinge betrachtete, die man ihm überreichte: vollständig, ohne Eile, als ob der Gegenstand das Recht habe, gesehen zu werden, bevor er geöffnet oder beantwortet wurde. Er war ein großer Mann, breit in den Schultern auf eine Weise, die die Jahre nicht verringert, sondern lediglich in den oberen Rücken verschoben hatten; das Haar über seinen Schläfen hatte das Grau des Gesteins angenommen, das der Festung ihren Namen gab, und sein Gesicht trug die ruhige Schwere eines Mannes, der gelernt hatte, daß Ausdruckslosigkeit oft freundlicher ist als ihr Gegenteil.

»Bringt ihn in die Küche«, sagte er zu niemanden im Besonderen, wobei mit »ihn« der Bote gemeint war, obwohl der Stallmeister die Äußerung zunächst auf das Pferd bezog und beide richtiglagen. »Suppe und warmes Wasser. Nicht beides gleichzeitig.«

Er brach das Siegel erst in seinem Arbeitszimmer, wohin er allein gegangen war, die Treppe hinauf durch den Westturm, dessen Stufen er so gut kannte, daß er nie nach ihnen sah. Das Feuer im Kamin war vor einer Stunde gefacht worden — seine Haushälterin Frau Odemark hatte es in der Art, wie sie es immer tat, still und nach einem Rhythmus, dem niemand je einen Befehl hatte geben müssen. Die Kammer roch nach Kiefernholz und altem Pergament und dem schwachen, mineralischen Hauch des Nordwinds, der durch einen Riß im Fensterladen hereinzog, den zu reparieren man sich seit dem Herbst vorgenommen hatte.

Das Schreiben war lang. Könige, die selbst nicht viel schreiben, tendieren dazu, ihre Sekretäre sehr ausführlich schreiben zu lassen, und das war keine Ausnahme. Es begann mit Anreden, die eine halbe Seite füllten, mit Ehrenworten und dem genealogischen Reflex der Kanzlei, die jeden Brief mit dem vollständigen Titel des Empfängers eröffnete, als ob man fürchtete, er könne andernfalls vergessen haben, wer er sei. Dann: der Kerntext, der durch rhetorische Verzierungen hindurchschimmerte wie ein Knochen unter Seide. König Aldric von Valdoria, durch göttliches Fügnis Herr über die sieben Marken und Beschützer des Obsidianischen Thrones, ernannte ihn, Eddard Konrad von Steinmark, Herrn von Grauenfels und der Nördlichen Wacht, zu seinem Ersten Ratgeber und bat — nein: erwartete — seine unverzügliche Ankunft am Hof.

Eddard las das Schreiben einmal. Dann legte er es auf den Schreibtisch und sah aus dem Fenster.

Durch den Riß im Fensterladen war der Hof sichtbar: der Bote, der jetzt auf eigenen Beinen stand und von einem Küchenknaben zu den Stallungen geführt wurde; Roward, der drüben unter dem Torbogen stand und ihn anschaute, ohne zu tun, als ob er es nicht täte. Sein Sohn war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte bereits die Haltung eines Mannes, dem Untätigkeit nicht geheuer ist — Schultern leicht nach vorn, Gewicht auf dem vorderen Fuß, die Bereitschaft zur Bewegung im ganzen Körper sichtbar wie bei einem Hund, der den Wind dreht. Er hatte offensichtlich verstanden, was der Bote bedeutete, noch bevor er wußte, was der Bote brachte; das war die Art seines Sohnes, Dinge zu wissen.

Eddard wandte sich wieder dem Schreiben zu.

Er dachte an Aldric, wie er ihn das letzte Mal gesehen hatte, vor vier Jahren in Eisenwall, wo sie gemeinsam eine Weile den Mauerbefall an der Südostbastei inspiziert hatten, das heißt: Aldric hatte inspiziert mit jener jovialem Aufmerksamkeit, die Könige aufbringen, wenn sie bei der Sache zu sein wünschen, ohne tatsächlich bei der Sache zu sein, und hatte dann über zwei Stunden Wein getrunken und Jagdgeschichten erzählt, während Eddard die Maurer instruierte. Er war ein guter Mann, Aldric Hohenfeld, in dem eingeschränkten Sinne, daß er keine Freude an der Grausamkeit hatte, nicht übermäßig log und einem alten Freund die Hand zu drücken verstand, als ob er es meinte. Dies sind keine geringen Qualitäten in einem König. Sie sind auch keine hinreichenden.

Eddard rollte das Schreiben zusammen, band es mit der mitgelieferten Kordel und legte es in das Fach unter der Schreibtischplatte, wo er Dokumente aufbewahrte, die keinen vorläufigen, sondern einen endgültigen Charakter hatten. Dann stand er auf, und das war bereits eine Antwort.

Die nächsten drei Tage veränderten Grauenfels auf die stille Weise, in der die Festung sich immer veränderte: ohne Theater, ohne sichtbare Hast, aber mit dem unverkennbaren Rhythmus einer Entscheidung, die bereits getroffen ist. Truhen wurden vom Dachboden geholt. Frau Odemark verpackte mit der methodischen Traurigkeit einer Frau, die weiß, daß ihr Herr wiederkommt, aber nicht, wann, jene Dinge, die man auf Reisen benötigt, und jene anderen, die man aus undefinierbaren Gründen trotzdem mitnimmt: das silberne Tintenfaß, das der verstorbenen Herrin Steinmark gehört hatte; das schmale Buch militärischer Abhandlungen, das so abgegriffen war, daß der Einband sich von den Seiten löste; der wollene Umhang in Steinmarkblau, den Eddard an kalten Abenden über die Schultern legte, wenn er im Hof stand und die Wachen ablösen hörte.

Roward sprach mit seinem Vater in der Abendhalle, am zweiten Tag. Es war ein kurzes Gespräch und wurde von keinem der beiden als das behandelt, was es war.

»Wie lange?« fragte Roward.

»Das ist nicht die richtige Frage.«

Roward sah in sein Glas. Er hatte von seiner Mutter, die seit neun Jahren tot war, jene Eigenschaft geerbt, Unbehagen durch Körperlosigkeit auszudrücken — durch das Fehlen von Bewegungen, die man erwartet hätte, die ausgebliebene Geste, das nicht erhobene Gesicht. »Ich komme nach«, sagte er.

»Du hältst die Nördliche Wacht.«

»Die Nördliche Wacht hält sich selbst.«

»Dann«, sagte Eddard, »hältst du sie gut.«

Dies war kein Gespräch über die Nördliche Wacht. Sie wußten es beide, und beide verhielten sich so, als ob es eines wäre, weil das die einzige Version war, die sich ohne Schmerzen sagen ließ. Roward begann von den Winterlieferungen zu sprechen, von der Festigung des Ostwalls, von einem Streit mit dem Leutnant Brandvik, der mit einer Ironie endete, die Eddard nicht vollständig verstand. Er ließ seinen Sohn sprechen und hörte nicht auf die Wörter, sondern auf die Stimme darunter, die andere Sprache, die Söhne sprechen, wenn sie das, was sie sagen wollen, nicht sagen.

Als Roward gegangen war, saß Eddard noch eine Weile allein in der Abendhalle. Das Feuer hatte die letzte Kraft verloren und glühte nur noch tief unten zwischen den Ascheschichten. Auf dem Tisch standen die zwei Gläser, seines kaum berührt, das seines Sohnes leer, und dies, dachte Eddard, ohne es genau in Worte zu fassen, war eine Art Porträt: die Steinmarks, wie sie waren.

Die Töchter kamen am nächsten Morgen zu ihm, ehe die Festung vollständig erwacht war, in den frühen Graulichtstunden, als der Hof noch unter dem nächtlichen Frost lag und die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster klangen wie Bruchholz. Saphira war siebenzehn und hatte die Gewohnheit, ihre Arme zu verschränken, nicht aus Kälte — oder nicht nur aus Kälte —, sondern auf eine Weise, die dem Beobachter unklar ließ, ob sie sich schützte oder festhielt. Lyra war zwanzig und zwei Jahre älter als sie aussah, weil sie jene Art von Gesicht hatte, die durch die Augen größer wird als durch die Züge: sie schaute immer, als ob sie etwas korrekte und auch etwas störend Ehrliches daran fände.

»Du sagst nichts dagegen?« sagte Lyra. Dies war keine Frage.

»Ich sage, daß der König gerufen hat.«

»Der König hat Leute, die für ihn rufen. Das ist nicht dasselbe.«

Eddard betrachtete seine ältere Tochter mit dem stillen Wohlgefallen eines Mannes, der Schärfe bewundert, auch wenn sie gegen ihn gerichtet ist. »Nein«, räumte er ein. »Das ist es nicht.«

Saphira sagte nichts. Sie stand neben ihrer Schwester und sah auf die Festungsmauer, an der das Wappen von Steinmark hing: der Adler, silber auf blauem Grund, den Kopf zur Seite gewandt, die Schwingen halb geöffnet, in der Haltung eines Vogels, der weder landet noch wirklich fliegt. Darunter das Motto des Hauses, in der alten Schrift des Nordens eingemeißelt: Was kalt ist, hält. Saphira hatte dieses Wappen ihr ganzes Leben lang täglich gesehen und es in diesem Augenblick mit einer Aufmerksamkeit betrachtet, als ob es ihr heute etwas sagte, das es gestern noch für sich behalten hatte.

»Goldenhall«, sagte Lyra, und das Wort klang in ihrem Mund wie eine Diagnose.

»Goldenhall«, bestätigte Eddard.

Er umarmte sie beide, was er selten tat, nicht aus Mangel an Empfindung, sondern weil er zu der Generation gehörte, der körperliche Zärtlichkeit schwerer kam als körperliche Arbeit. Saphira lehnte ihren Kopf für einen Moment gegen seine Schulter, nicht lange, lang genug; Lyra umarmte ihn mit der kurzen, festen Entschlossenheit eines Menschen, der eine Tatsache annimmt, ohne sie gutzuheißen. Er roch das Haar der einen und das der anderen und ließ sie los, bevor er die Versuchung verspürte, etwas Angemessenes zu sagen, weil er wußte, daß es kein angemessenes Wort gab und daß es keiner Würde machte, nach einem zu suchen.

Am Morgen des vierten Tages ritt er ab.

Der Hof hatte sich versammelt, wie er sich immer versammelte bei solchen Gelegenheiten: nicht auf Befehl, sondern durch den unorganisierten Konsens eines Haushalts, der weiß, was Anstand erfordert. Frau Odemark stand unter dem Torbogen mit gefalteten Händen. Der Stallmeister hielt das Pferd mit jener praxisnahen Zuneigung, die Männer seines Berufs allen Tieren gegenüber bewahren, auch wenn sie es nicht sagen würden. Die Wachen auf der Mauer hatten sich, ohne Anweisung erhalten zu haben, in eine Linie aufgestellt.

Roward begleitete seinen Vater bis zum Ende der Brücke, zu Pferd, wortlos. Die Hufschläge auf den Planken klangen hohl in der Winterluft. Am Ende der Brücke, wo der Weg sich teilte — nach Süden zum Tal, nach Norden zur Mauer —, hielt Roward an.

Eddard wandte sich im Sattel um. Sein Sohn saß sehr gerade auf seinem Pferd in dem weißen Licht, das kein Licht war, und sein Gesicht hatte jenen Ausdruck, den Eddard kannte und den er als die Stille nach einem lauten Gedanken zu deuten gelernt hatte.

»Vater.«

»Roward.«

Mehr war nicht nötig, und sie wußten es beide. Eddard nickte einmal, kurz, mit der Förmlichkeit, die ihm natürlicher war als alle anderen Formen der Zuneigung, und wandte das Pferd nach Süden.

Er ritt, ohne sich umzudrehen, und Grauenfels verschwand hinter ihm in dem gleichgültigen Weiß des Winters, der Adler auf der Mauer und das Motto und die Türme und alles andere, was dort stand: kalt, ehrlich und unerschütterlich in der Überzeugung, daß dies hinreichend sei.

Eddard von Steinmark, der letzte seiner Art in einer Welt, die diese Art bereits zu einem Anachronismus erklärt hatte, ohne ihn je davon in Kenntnis zu setzen, ritt nach Goldenhall, wo die Kerzen immer brannten und der Wein immer floß und wo man ihn mit jener vollendeten, warmherzigen Höflichkeit empfangen würde, die kein Äquivalent hat für das Wort Nein.

Like this novel?

Create your own AI-powered novel for free

Get Started Free
Chapter One: The Summons from Goldenhall — Das Erbe des Adlers: Chronik des Hauses Steinmark | GenNovel