Der Stiefel bewegte sich zuerst.
Kein Gedanke, keine Absicht — nur der rechte Stiefel des Barons, der sich mit dem trägen Reflex eines Mannes, der noch schläft und es noch nicht weiß, aus einem Wasserpool herausarbeitete. Das Leder war aufgequollen. Das Kupferschnällchen hatte sich verbogen. Der Stiefel schmatzte beim Herausziehen wie ein beleidigtes Tier, und dieser Laut — dieser unelegante, schlammige, völlig unbefriedigende Laut — war es, der Baron Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen endgültig ins Bewusstsein zurückbeförderte.
Er öffnete die Augen.
Über ihm: Himmel. Ein grünliches, leicht aufgewühltes Himmelblau, das er nicht kannte und das ihn sofort misstrauisch stimmte, weil er alle Himmel kannte, die es in zivilisierten Breiten zu kennen gab. Unter ihm: nasses Holz. Rund um ihn: das Rauschen, Schieben, Zischen und Drücken von Wasser — viel Wasser, in einer Ausdehnung und mit einer Launenhaftigkeit, die selbst einen weniger erfahrenen Weltreisenden hätte beunruhigen können.
Den Baron beunruhigte es nicht.
Er setzte sich auf.
Das kostete mehr Anstrengung, als ihm lieb war, denn die Uniform — die prächtige, preußisch-blaue Uniform mit den Goldepauletten und den sechs Reihen Messingknöpfen, die sein Schneider Grünbaum in Hannover eigens für diplomatische Anlässe gearbeitet hatte — klebte ihm am Leib wie eine zweite, unglücklichere Haut. Sein Zweispitz fehlte. Sein Säbel fehlte. Sein Tabaksbeutel fehlte.
Sein Schnurrbart war da.
Das war das Entscheidende. Der Schnurrbart — dieses majestätische, nach zwei Seiten ausgebogene, mit äußerster Sorgfalt gepflegte Prachtwerk eines Oberlippenbartes, das ihm drei Generationen hanseatischer Vorfahren ohne Schnurrbart im Gesicht gleichsam als Kompensation mitgegeben zu haben schienen — saß, wo er immer saß, unverletzt, unverformt, ja wenn überhaupt in einem leicht verbesserten Zustand, weil die Feuchtigkeit ihm einen zusätzlichen Schwung verliehen hatte.
Solange der Schnurrbart vorhanden war, war die Lage beherrschbar.
Der Baron stand auf.
Das Deck, auf dem er stand — soweit man dieses schwankende, ächzende, an mehreren Stellen durchgebrochene Brett-Konglomerat als Deck bezeichnen durfte — machte deutlich, dass es nicht gedenke, ihm dabei sonderliche Stabilität zu bieten. Wasser schwappte zwischen den Planken. Das Bugspriet hing schräg. Ein Mast, von dem noch ein zerrissener Fetzen Segeltuch herabwehte wie eine weiße Fahne nach einer besonders schlecht verlaufenen Kapitulation, ragte schräg über Backbord. Das Schiff — wenn es je eines gewesen war, was der Baron im Augenblick zu bezweifeln begann — befand sich in einem Stadium fortgeschrittenen Verfalls, das selbst für maritime Verhältnisse beachtlich war.
Überall um ihn her: Ozean.
Kein Ufer. Kein Hafen. Keine freundliche Küstenlinie, an der ein Mann mit nassen Stiefeln und ohne Tabaksbeutel Zuflucht hätte suchen können. Nur dieses eigenartige, leicht zu grün geratene Wasser, das in sanften, unberechenbaren Wellen gegen die Überreste des Rumpfes schlug und dabei ein Geräusch produzierte, das sich anhörte wie das Schmatzen einer sehr großen Kreatur, die ihre Mahlzeit genießt.
Der Baron verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Er betrachtete den Horizont. Er dachte nach.
"Eine Kleinigkeit", sagte er laut.
Seine Stimme trug gut. Das war, unter den gegebenen Umständen, der einzige zuverlässige Aktivposten in der Bilanz dieser Situation, und er registrierte es mit der stillen Genugtuung eines Mannes, der gelernt hat, an den richtigen Stellen dankbar zu sein.
Die Erklärung für das, was mit ihm geschehen war, formte sich mit der Geschwindigkeit, die jahrzehntelange Übung verleiht. Eine diplomatische Unternehmung — vertraulicher Natur, versteht sich, weshalb er sich außerstande sehe, Einzelheiten preiszugeben — hatte ihn nach Osten geführt, in jene Breiten, wo die Meeresströmungen ihr eigenes Regiment führten und selbst erfahrenste Kapitäne gelegentlich von der beabsichtigten Route abkamen. Eine Strömung von ungewöhnlicher Vehemenz hatte das Schiff — ein größeres Schiff, selbstverständlich, vollständig mit Mannschaft besetzt und mit allem Komfort ausgestattet, der seiner Stellung gebührte — von seinem Kurs abgebracht, und es habe sich dann die Gelegenheit ergeben, einen kurzen Abstecher zu unternehmen, den er schon längere Zeit geplant hatte.
Zur Oberfläche des Mondes.
Er blieb bei diesem Gedanken kurz stehen, nicht aus Unsicherheit, sondern aus handwerklichem Respekt. Die Mondgeschichte war eine seiner besten — er hatte sie in zwölf Salons erzählt und sie war jedes Mal besser geworden — aber sie hatte den Nachteil, dass die Logistik der Rückkehr einer gewissen Elaborierung bedurfte. Wenn man einmal dort oben war, auf dem Mond, wo die Luft dünn war und die Mondleute kleine, silbrig schimmernde Gestalten, musste man auch erklären, wie man wieder heruntergelangt war, und das hatte beim letzten Mal in der Gesellschaft des Grafen Westerfeld eine halbe Stunde gedauert und war am Ende auf einen besonders hartnäckigen Bohnenranken-Umweg hinausgelaufen, der nur dann überzeugte, wenn man Westerfeld und seine Art von gesellschaftlichem Zutrauen kannte.
Das Rauschen um ihn her veränderte sich.
Es war keine plötzliche Veränderung, eher wie der Übergang von einem Zimmer in ein anderes in einem Haus, dessen Wände zu dünn sind: ein langsames Anschwellen, ein tieferes Brodeln unter dem Oberflächenlärm des Wassers. Die losen Planken des Wracks zitterten.
Der Baron ließ den Blick nach unten wandern, auf die dunkel-grüne Wand aus Wasser, die das Schiff umgab.
Die Wand bewegte sich.
Nicht als Welle. Wellen bewegten sich horizontal. Das hier bewegte sich vertikal, von unten nach oben, in einer Art und Weise, die der gesamten Wassermasse um das Wrack eine neue Qualität verlieh — die Qualität von etwas, das nicht Wasser war, sondern die Oberfläche von etwas anderem, etwas Organischem, etwas Außerordentlichem in einem Ausmaß, das nur dann angemessen beschrieben werden konnte, wenn man bereit war, Ausdrücke zu gebrauchen, die in normalen gesellschaftlichen Kreisen als Übertreibung galten.
Es kam aus dem Wasser wie ein Gebirge kommt — langsam, unaufhaltsam, mit der erschreckenden Gelassenheit von Dingen, die es nicht nötig haben, sich zu beeilen.
Zuerst die Flanke: eine schuppige, schleimglänzende Wand aus grauem Fleisch, die sich aus dem Wellengang löste und sich über das Wrack erhob wie eine Mauer, die man gerade erst sieht, wenn man schon im Innenhof steht. Dann der Kopf: die Größe eines Stadthauses, mit gelben Augen so groß wie Reifenscheiben, die noch nichts sahen oder alles, was keinen Unterschied machte. Dann der Rachen, der sich öffnete — und in diesem Rachen lag alles beisammen, was ein Schlund sein musste, um ein angemessener Schlund zu sein: Dunkelheit, Feuchtigkeit, ein Geruch wie verfaultes Tauwerk und frischer Fisch in einer Mischung, die der Nase keinen Gefallen tat, und Zähne, die die Länge von Türrahmen hatten und in mehreren Reihen hintereinander standen, als hätte die Natur beschlossen, hier auf Sparsamkeit zu verzichten.
Das Wrack schwankte. Wasser schwappte über das Deck. Eine Planke löste sich unter Münchhausens linkem Fuß und versank.
Er trat auf die benachbarte Planke, die hielt.
Das Ungeheuer betrachtete ihn. Er betrachtete das Ungeheuer.
Darin besaß er eine gewisse Übung. In den russischen Steppen, wo er einst in kaiserlichem Dienst geritten war, hatte er einem Wolf gegenübergestanden, dem man diesen Blick aus gelben Augen nachsagte. In einem mauretanischen Hafen hatte er einem Mann begegnet, der Krokodile von Kindesbeinen an gezüchtet hatte und der behauptete, sie durch den bloßen Augenkontakt zu dirigieren. Und natürlich die Schlangen — aber das war eine andere Geschichte, die er ein anderes Mal erzählen würde, für ein geeigneteres Publikum, weil sie in der richtigen Gesellschaft als seine beste galt.
Schlangen. Seeschlangen.
Der Gedanke traf ihn mit der Präzision einer Hauptstadtpost.
Er hatte die Geschichte — er wusste, dass er sie hatte, er hatte sie sechzehnmal erzählt, in Hannover, in Wien, einmal in Anwesenheit von drei englischen Lordschaften und zweimal in Gesellschaft von Menschen, die besser verstehen sollten, als sie taten. Die Geschichte mit der Seeschlange. Er hatte sie erwürgt. Mit seiner Krawatte. Die Schlange hatte zweimal die Länge dieses hier gehabt — nun ja, ungefähr zweimal, er erlaubte sich die übliche Rundungsfreiheit — und er hatte sie erwürgt, den Stoff seiner Halsbinde um ihren Hals geschlungen, seinen Gewicht eingesetzt, und die Schlange hatte sich gewunden und sich gewunden, bis sie sich nicht mehr wand.
Der Rachen vor ihm öffnete sich weiter.
Münchhausen öffnete den Mund.
"Ich muss Ihnen sagen", sprach er, in einem Ton, der in zwanzig Jahren Salon-Übung zur Perfektion gebracht worden war, der jeden Widerspruch bereits im Ansatz durch seine eigene geruhsame Selbstverständlichkeit überrollte, "dass ich diese Art von Begegnung bereits kenne. Das letzte Mal war das Exemplar beträchtlich größer. Doppelt so groß, wenn ich mich recht erinnere — und mein Gedächtnis ist in solchen Dingen von einer Zuverlässigkeit, die manchen Historikern zur Ehre gereichen würde. Es war im Ionischen Meer, dreiundsiebzigster Breitengrad, ein Montag. Ich habe sie mit meiner Krawatte erwürgt."
Er griff an seinen Hals.
Die Krawatte fehlte. Er trug die Uniform, die Epauletten, das nasse Hemd — aber die Krawatte, die cremefarben gewesene Seidenkrawatte aus dem Atelier des Herrn Jansen in der Georgstraße, die fehlte.
Was vorhanden war, war sein Halstuch.
Es war ein schlechteres Stück Stoff als die Krawatte. Es war nass und es roch. Aber es hatte eine ausreichende Länge, und seine Hände hatten — dies bemerkte er wie von außen, mit der leichten Überraschung, die entsteht, wenn der Körper etwas tut, das der Verstand noch nicht befohlen hat — es bereits von seinem Hals gelöst.
Das Ungeheuer beugte sich herab.
Münchhausen schwang das Halstuch.
Was dann geschah, geschah schnell, denn schnelle Dinge hatten die Eigenschaft zu geschehen, ohne dass man sie hätte aufhalten können, wenn man erst einmal so weit war, und der Baron befand sich in einem Zustand, in dem die Schwelle zwischen Ankündigung und Wirklichkeit aufgehört hatte, eine Schwelle zu sein, und eher einem Vorhang glich, der bereits beiseitegeschoben worden war.
Das Halstuch wickelte sich. Der Hals des Ungeheuers — in seiner Dicke einem mittleren Kirchenturm vergleichbar — bot mehr Oberfläche, als das Stück Stoff vernünftigerweise hätte umspannen können. Und doch zog es sich zusammen. Und das Ungeheuer zog sich zusammen mit ihm.
Es würgte.
Es war kein kleines Würgen. Es war das Würgen von etwas, das noch nie in seinem Leben auch nur die entfernte Möglichkeit des Würgens in Betracht gezogen hatte und nun plötzlich entdeckte, dass seine Körperfunktionen ihm nicht so vollständig gehorchten, wie seine bisherige Lebenserfahrung nahegelegt hatte. Das Würgen wurde zu einem Schütteln. Das Schütteln wurde zu einem Rückzug. Die riesige Gestalt — die Flanke, der Hals, das offene Maul mit seinen Türrahmen-Zähnen — versank zurück ins Wasser, mit einem Lärm wie das Einstürzen eines unvorsichtig gebauten Gebäudes, und das Meer über ihr wogte und schäumte und beruhigte sich dann wieder, weil das Meer die Angewohnheit hat, sich zu beruhigen, auch wenn man es lieber nicht täte.
Es war still.
Das Wrack schwankte. Eine Möwe, die der Baron nicht gehört hatte, da sie auf dem gebogenen Mastrest gesessen und zugeschaut hatte, schrie einmal und flog davon.
Münchhausen griff nach dem Halstuch — das schlaff und feucht an seiner Hand hing — und wickelte es wieder um seinen Hals. Die Bewegung war die gleiche, mit der er es seit dreißig Jahren tat: zwei Windungen, Knoten nach links, leichter Zug, um den Sitz zu prüfen.
Er betrachtete das Meer.
Das Meer betrachtete nichts zurück, was, nach Lage der Dinge, ein akzeptabler Zustand war.
"Das Klima hier", sagte der Baron von Münchhausen — zu niemanden, zur Möwe, die fort war, zum Wrack, das sank, zum Meer, das ihn trug und morgen vielleicht nicht mehr tragen würde — "scheint mir ausgesprochen zuträglich."
Er richtete die linke Epaulette. Die rechte Epaulette hatte sich leider beim Sturz gelöst und war offenbar mit der Krawatte und dem Tabaksbeutel verschwunden. Das störte die Symmetrie, aber er verwarf den Gedanken daran mit dem souveränen Gleichmut, der notwendig war.
Irgendwo in der Entfernung — östlich, vielleicht, oder was hier für Osten galt — zog ein Segel auf.
Der Baron sah es, und er sah es mit der Aufmerksamkeit eines Mannes, der in seinem Leben gelernt hatte, dass Segel meistens Publikum bedeuteten, und Publikum war, in einer Welt, die sich so sonderbar benahm, wie diese Welt sich offensichtlich benahm, das erste und dringlichste Bedürfnis, das ein Mann von Stand und Erfahrung haben konnte.
Er wartete.
Das Segel wurde größer.
Auf dem Segel, das er nun deutlicher sah — ein grob gearbeitetes, rotes Ding von erheblicher Fläche, mit einer stilisierten Gestalt darauf, die entweder ein Totenschädel war oder das Porträt von jemandem, dem der Künstler nicht wohlgesonnen gewesen war — stand ein einziges Wort.
Münchhausen konnte es von dieser Entfernung noch nicht lesen.
Er beschloss, es als einen einladenden Willkommensgruß zu interpretieren.