Chapter One: The Night Mephistiel Came to Faustus's Study

Die Kerze hatte zum dritten Mal in dieser Nacht getropft.

Faustus betrachtete das Wachs, das sich in kleinen, verkrusteten Wülsten über den Messinghalter ergossen hatte, und dachte daran, wie viele Nächte er so gesessen hatte, in diesem Stuhl, an diesem Tisch, mit dieser oder einer anderen Kerze, und wie wenig sich die Summe all dieser Nächte von einer einzigen unterschied. Drüben am Fenster rührte sich die Oktobernacht. Kein Wind, kein Regen — nur diese besondere Stille, die eine Stadt überkommt, wenn selbst die Unruhigsten ihrer Bewohner endlich geschlafen haben.

Die Bücher ringsum schienen ihn zu beobachten. Er wusste, dass dies eine Torheit war; er war Theologieprofessor an der Universität Wittenberg, nicht ein Kind, das sich vor Schatten fürchtet. Aber nach vierzig Jahren des Lesens, des Annotierens, des Kommentierens begann er zu empfinden, was er keinem Studenten je einzugestehen gewagt hätte: dass die Bücher nichts enthielten, was er nicht bereits auf andere Weise nicht gewusst hätte. Das war das eigentliche Grauen. Nicht dass das Wissen falsch war. Sondern dass es wahr und gleichwohl nutzlos blieb — ein Käfig aus präzisen Stäben.

Er strich mit dem Finger die aufgeschlagene Seite entlang. Augustinus, De civitate Dei, die Passage über den freien Willen. Er hatte sie auswendig gelernt, ehe er dreißig war, hatte über sie gelehrt, gestritten, geschrieben, sie verteidigt und angegriffen und wieder verteidigt, und die Passage hatte all das überlebt und lag nun vor ihm, unverändert, während er selbst sich nicht mehr sicher war, ob er noch glaubte, was er lehrte, oder ob er lediglich die Gewohnheit des Glaubens von dem Glauben selbst nicht mehr zu unterscheiden vermochte.

Seine Frau war vor zwanzig Jahren gestorben. Im Frühjahr, ein Fieber, sehr schnell. Er hatte an ihr Bett gesessen und Psalmverse gesprochen, und die Psalmverse hatten ihr nicht geholfen, und ihm hatten sie auch nicht geholfen, aber er hatte sie weiter gesprochen, weil er nicht wusste, was er sonst hätte sagen sollen. Seither keine Kinder. Seither diese Räume, diese Kerzen, diese Bücher.

Die Flamme flackerte ohne jeden Luftzug.

Faustus hob den Blick.

Der Mann — er dachte instinktiv Mann, obwohl das Wort vielleicht schon das erste Versagen der Sprache war — saß auf dem Schemel neben dem Bücherregal, als hätte er immer dort gesessen. Er trug dunkles Tuch von guter Qualität, seine Hände lagen gefaltet auf dem Knie, und er betrachtete Faustus mit dem ruhigen, leicht geneigten Kopf eines Menschen, der auf eine Antwort wartet, obwohl er noch keine Frage gestellt hat. Sein Gesicht war schmal, die Züge regelmäßig und ohne jeden Ausdruck von Dringlichkeit. Er hätte ein Bibliothekar sein können. Er hätte ein Kollege sein können, erschienen ohne Ankündigung zu einer ungelegenen Stunde — ein Phänomen, das im Universitätsleben nicht unbekannt war.

Er war nicht eingetreten. Die Tür war noch geschlossen.

Faustus sagte, mit einer Stimme, die fester klang als er erwartet hatte: „Ihr seid nicht durch die Tür gekommen."

„Nein", sagte der Besucher. „Aber ich bin da."

Er hatte keinen Akzent. Er hatte keinen besonderen Tonfall. Er sprach wie jemand, der Sprache als Werkzeug kennt und sie mit dem Respekt behandelt, den man einem Werkzeug schuldet: ohne Sentimentalität, aber auch ohne Verachtung.

„Wie nennt Ihr Euch", sagte Faustus. Keine Frage. Ein Test.

„Mephistiel." Er ließ das Wort stehen, ohne es auszuschmücken. „Ich nehme an, der Name ist Euch nicht unbekannt aus der Literatur."

„Aus der Literatur der Dämonologie. Die ich aus akademischen Gründen kenne."

„Natürlich." Ein Hauch von etwas — Belustigung? Anerkennung? — glitt über das schmale Gesicht. „Ihr habt den Cremonini zu Eurer Linken, ich sehe den Ficino in dritter Reihe, und den Weyer, soweit ich erkennen kann, habt Ihr hinter dem Cornelius Agrippa versteckt, was mir als bewusstes Arrangement erscheint." Er machte eine kleine Geste, fast höflich. „Ich sage das nicht als Vorwurf. Ich sage es, um anzudeuten, dass ich den Raum kenne."

Faustus schloss das Augustinus-Buch. Es schien das Richtige zu tun.

„Was wollt Ihr?"

Mephistiel lehnte sich ein wenig vor. Es war eine Bewegung von großer Gemessenheit, die Haltung eines Mannes, der an Geduld gewöhnt ist — wirkliche Geduld, nicht die erzwungene Geduld eines Wartenden, sondern die Geduld eines Wesens, das sich mit der Zeit auf eine andere Weise verhält als ihre Geschöpfe.

„Ich bin hier, um Euch anzubieten, was Ihr wirklich wollen müsstet", sagte er, „wenn Ihr vollständig ehrlich mit Euch wäret. Das vollständige Wissen. Alle Sprachen, wie sie tatsächlich gesprochen werden und wie sie gedacht wurden, ehe man sie niederschrieb. Die verborgenen Zusammenhänge zwischen der Naturphilosophie und dem, was die Theologen Schöpfungsordnung nennen, und was diese Ordnung tatsächlich ist, unter dem Namen. Lebendige Jahre — sagen wir: dreißig weitere, mit dem Körper, den Ihr hattet mit vierzig, was ich für eine faire Abmachung halte. Und eine Position des Einflusses, die Euch gestattet, das Wissen anzuwenden, das Ihr gewinnen werdet."

Er sprach wie jemand, der ein Angebot unterbreitet, nicht wie jemand, der verführt. Es war dieser Ton — diese merkwürdige, beinahe kollegiale Sachlichkeit —, der Faustus die ersten Schauer über den Nacken trieb, schärfer als Schwefeldampf es getan hätte.

„Und im Austausch."

„Eure Seele. Im Moment des Todes, unter den üblichen Bedingungen des Vertrages."

„Die üblichen Bedingungen."

„Ich habe Formulare, wenn Ihr wollt."

Faustus stand auf. Er brauchte die Distanz des Stehens, die kleine physische Würde, die ein Mensch aus seiner eigenen aufrechten Höhe zieht. Er trat zum Fenster und sah hinaus auf die schlafenden Dächer Wittenbergs — die Schornsteine, die Schlosskirche in der Ferne, den feinen Nebelstreifen über dem Elbtal.

„Warum ich", sagte er.

„Weil Ihr die Frage stellt", sagte Mephistiel, „und nicht jemanden herbeiruft, um sie für Euch zu stellen."

„Es gibt jüngere Gelehrte an dieser Universität. Ehrgeizigere. Einer von ihnen —" Faustus brach ab.

„Ich kenne die Kandidatur, die Ihr meint", sagte Mephistiel, ohne zu zögern. „Ich arbeite nach meinem eigenen Zeitplan."

Faustus wandte sich vom Fenster. Er betrachtete das Wesen auf dem Schemel — die Ruhe seiner Hände, das stille Abwarten, das keine Drohung enthielt und eben deshalb furchterregender war als jede Drohung.

„Ihr habt gesagt: was ich wirklich wollen müsste, wenn ich vollständig ehrlich mit mir wäre." Er sprach langsam, wie er es tat, wenn er an einem schwierigen Satz in einem schwierigen Text arbeitete. „Das setzt voraus, dass Ihr wisst, was ich will."

„Ich weiß, was Ihr vermisst."

„Und das ist?"

Mephistiel schwieg einen Moment. Dann: „Den Horizont. Der gewöhnliche Gelehrte arbeitet, bis der Horizont des Wissens sich verengt auf ein beherrschbares Feld, und ruht sich in dieser Enge aus. Ihr habt vierzig Jahre damit verbracht, denselben Horizont zu verfolgen, ohne je zuzulassen, dass er enger wird. Das ist keine Bescheidenheit. Das ist eine Form von Qual, die Ihr Erkenntnisstreben nennt."

Es war still. Die Kerze brannte ruhiger, als sie einen Augenblick zuvor gebrannt hatte.

„Ihr seid gut in dem, was Ihr tut", sagte Faustus schließlich.

„Ich tue es seit sehr langer Zeit."

„Dann erlaubt mir, so zu antworten, wie ich es tue, wenn ein Student einen gut formulierten, aber fehlerhaften Beweis vorlegt." Faustus kehrte zu seinem Stuhl zurück, setzte sich, öffnete das Augustinus-Buch wieder an derselben Seite. „Ihr habt die Diagnose richtig gestellt und die Therapie falsch. Ja, ich leide an dem, was Ihr beschreibt. Nein, das Leiden gibt Euch keine Legitimation, und es gibt mir kein Recht, es auf die von Euch beschriebene Weise zu kurieren. Die Theologie, mit der ich seit vier Jahrzehnten arbeite — und die ich in vielem für unzulänglich halte, das sage ich Euch ohne Heuchelei —, ist in einem Punkt konsistent: dass die Unsterblichkeit der Seele nicht dem zeitlichen Wunsch nach Vollständigkeit geopfert werden darf. Das ist kein Glaubenssatz, den ich nicht geprüft hätte. Ich habe ihn sehr gründlich geprüft."

„Ich zweifle nicht daran, dass Ihr ihn geprüft habt", sagte Mephistiel. „Ich frage mich nur, ob die Prüfung zu einem Ergebnis geführt hat, oder ob sie ihr eigener Ersatz für das Ergebnis geworden ist."

Faustus spürte, wie sich sein Kiefer anspannte. Er löste die Spannung bewusst.

„Das ist eine gute Frage", sagte er, „auf die ich keine vollständige Antwort habe. Aber das Fehlen einer vollständigen Antwort ist kein hinreichender Grund für das, was Ihr vorschlagt."

„Nein. Es ist lediglich ein hinreichender Grund für Unbehagen."

Sie sahen einander an. Die Nacht draußen zeigte die ersten, noch theoretischen Anzeichen einer fernen Morgendämmerung — keine Helligkeit, aber eine minimale Abschwächung der Dunkelheit über den östlichen Dächern.

„Lasst mich Euch etwas fragen", sagte Faustus. „Habt Ihr je einen erlebt — irgendjemanden, in Eurer sehr langen Erfahrung —, der den Pakt bereut hat?"

Mephistiel überlegte. Es war eine echte Pause, keine gespielte.

„Alle", sagte er. „Mit unterschiedlichen Intensitäten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten."

„Und dennoch macht Ihr das Angebot weiter."

„Die Reue ist ihr eigenes Erlebnis. Sie ist mitunter bereichernder als die Alternative."

„Das", sagte Faustus, „ist das Zynischste, was ich je gehört habe."

„Es ist ehrlich."

„Ehrlichkeit und Zynismus schließen einander nicht aus." Faustus schloss das Buch ein zweites Mal. Diesmal endgültig, das spürte er selbst. „Ich lehne ab."

Die zwei Worte hingen im Kerzenschein. Faustus hatte erwartet, dass er sie mit mehr Feierlichkeit würde sprechen müssen — mit einem Kreuz in der Luft, einem Bibelvers, irgendeiner liturgischen Bekräftigung. Stattdessen klangen sie wie das, was sie waren: eine sachliche Ablehnung. Die Ablehnung eines Mannes, der ein Angebot geprüft und es für inakzeptabel befunden hat.

Mephistiel stand auf. Er tat dies so, wie er gesessen hatte — ohne Theater, ohne Transformation, einfach ein Mann, der sich erhebt, weil es Zeit ist zu gehen. Er knöpfte seinen Rock, eine kleine, vollkommen menschliche Geste.

„Ich respektiere die Entscheidung", sagte er.

„Ich brauche Euren Respekt nicht."

„Nein." Er trat zur Tür — zur geschlossenen Tür, die er nicht geöffnet hatte, um einzutreten. „Aber Ihr werdet ihn trotzdem haben. Er gehört zu dem, was mit dem Angebot einhergeht, und mit dessen Ablehnung ebenfalls." Er legte die Hand auf den Türknauf, hielt inne. Er sprach, ohne sich umzuwenden. „Ich möchte Euch noch etwas sagen, Herr Professor. Nicht als Drohung. Als Beobachtung, aus meiner sehr langen Erfahrung."

Faustus schwieg. Er wollte sagen: sagt es nicht. Er sagte es nicht.

„Die Ablehnung", sagte Mephistiel, „wird Euch mehr kosten als die Zustimmung es je gekonnt hätte."

Er öffnete die Tür — sie war nicht verschlossen gewesen, sie war die ganz gewöhnliche Tür seiner Studierstube —, trat hindurch, und war fort.

Die Kerze brannte weiter. Draußen begann irgendwo eine Kirchenuhr zu schlagen, sehr weit entfernt: drei Uhr, vier Schläge, fünf. Faustus saß und zählte die Schläge nicht, weil er auf die Schläge nicht achtete, sondern auf das Schweigen, das nach jedem einzelnen folgte.

Er hatte abgelehnt. Das war richtig gewesen. Er war sicher, dass es richtig gewesen war.

Er versuchte, dieses Richtig zu finden, irgendwo in dem Raum, irgendwo in sich selbst, irgendeine Wärme oder Erleichterung oder wenigstens Erschöpfung, die sich Frieden nannte.

Die Bücher schwiegen.

Er ließ die Kerze brennen.

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Chapter One: The Night Mephistiel Came to Faustus's Study — Das verworfene Siegel | GenNovel