Das Siegel war dreimal gebrochen worden, bevor der Brief Wendelin Grau erreichte. Zweimal vom Wetter und einmal von Händen, die sich nicht die Mühe gemacht hatten, ihn wieder sauber zu schließen.
Er hielt den Umschlag gegen das Licht seiner Arbeitslampe und betrachtete das gesprungene Wachs. Es hatte einmal das Zeichen der Naturforschergilde getragen: einen Zirkel über einer offenen Hand. Jetzt war nur noch die Hälfte des Zirkels übrig, und die Hand darunter sah aus, als hielte sie nichts.
Wendelin legte den Brief auf seinen Tisch, zwischen die halbfertige Karte der Moorgebiete nördlich von Senne und den getrockneten Farnwedel, den er als Lineal benutzte. Er hatte gelernt, Dinge zu betrachten, bevor er sie anfasste. Sein Vater hatte ihm das beigebracht, in der langen Stube der Kartographengilde, wo die Gerüche nach Eisengallustinte und feuchtem Papier sich so tief in die Wände gefressen hatten, dass sie auch im Sommer nicht wichen.
Dann öffnete er den Brief.
Die Handschrift darin war die eines alten Mannes, der einmal schön hatte schreiben können: die Buchstaben noch aufrecht, aber die Bögen zitterten an den Enden, als hätten sie nicht gewusst, wo sie aufhören sollten. Meister Ossian Fell, Vorstand der Großen Naturforschergilde zu Kaldenmoor, schrieb ihm, Wendelin Grau, Sohn des Kartographen Pieter Grau, dass er kommen möge. Nicht dass er kommen solle. Dass er kommen möge.
Das Wort blieb Wendelin im Auge hängen wie ein Splitter.
Er reiste drei Tage.
Die Stadt Kaldenmoor roch nach Kohlenrauch und stehendem Wasser. Wendelin kam durch das westliche Stadttor am frühen Nachmittag, und das erste, was er sah, waren die Fahnen der Gilde: schwarze Tücher, die an den großen Masten vor dem Gildenhaus hingen, ungefähr so breit wie ein Mensch. Trauerfahnen. Drei Stück.
Er blieb einen Augenblick stehen. Der Mann hinter ihm, der einen Karren mit Rüben schob, stieß ihm den Holzholm in den Rücken, und Wendelin trat weiter.
Das Gildenhaus war ein langer Bau aus grauem Kalkstein, vier Stockwerke hoch, mit Fenstern, die so tief in die Mauern eingelassen waren, dass man von der Straße nicht hineinsehen konnte. Wendelin kannte es aus dem Lehrbuch seiner Gildenjahre, wo es als Sitz des Wissens abgebildet war, umgeben von Lorbeerkränzen und dem Schriftzug: Hier wohnt das Licht des Verstehens. Der Stich hatte gelogen. Das Gebäude sah aus wie etwas, das seit langem wartete, ohne zu wissen, worauf.
Er klopfte. Ein junger Gildendiener mit einem Fleck Tinte auf der rechten Wange öffnete und führte ihn ohne Worte durch einen Flur, an dessen Wänden Porträts hingen: Naturforschermänner und -frauen, die in ruhige Mienen gehauen waren wie Grabsteine. Wendelin las die kleinen Messingplatten unter den Bildern im Vorbeigehen. Die meisten Daten lagen weit zurück. Aber drei der Rahmen hatten noch keine Platten. Die Nägel waren da. Die Bilder auch. Nur die Namen fehlten noch.
Der Gildendiener führte ihn in ein kleines Empfangszimmer, bat ihn zu warten und verschwand.
Wendelin stellte seinen Reisesack ab und setzte sich nicht hin.
Das Zimmer roch nach Kerzenwachs und etwas darunter, das er nicht sofort benennen konnte. Etwas Bitteres, Pflanzliches, das von keiner Apotheke stammte. Er ging zur Tür, die gegenüber stand, und öffnete sie einen Spalt.
Dahinter lag die Bibliothek.
Er kannte Bibliotheken. Er hatte in der Bibliothek der Kartographengilde schlafen gelernt, zwischen Stapeln von Seekarten und Atlanten, eingewickelt in die Stille, die große Buchsammlungen ausatmen. Diese hier war anders. Sie war groß, die Decken hoch, die Regale aus dunklem Holz stabil und gut gezimmert. Aber die Regale im hinteren Drittel des Raumes waren leer. Nicht unordentlich, nicht von Staub und Vernachlässigung geleert. Leer wie Zähne, die jemand sauber herausgezogen hatte. Die Fächer ohne Bücher zeigten Holz, das etwas heller war als der Rest, dort wo die Buchrücken Jahrzehnte lang das Licht abgehalten hatten. Jemand hatte die ältesten Bände entfernt. Und es war erst kürzlich geschehen.
Wendelin trat ein.
Er zog den Finger entlang einem leeren Fachbrett. Kein Staub. Nur die hellen Rechtecke, die Abwesenheit nach sich zogen wie Schimmer auf dem Wasser. Er versuchte, die Anzahl der fehlenden Bände zu schätzen. Zwei Regale waren ganz leer, drei weitere halb. Zweihundert Bücher, vielleicht mehr. Er öffnete das unterste Fach des nächsten Regals. Darin lagen noch drei Bände, übersehen oder zurückgelassen: Naturkunden aus dem vorletzten Jahrhundert, die Einbände fleckig, die Seiten wellengekräuselt von alter Feuchtigkeit. Er schlug einen auf. Die Randnotizen waren in einer winzigen, ordentlichen Handschrift geschrieben, mit Tinte, die sich bräunlich verfärbt hatte. Jemand hatte fleißig gearbeitet. Jemand hatte sich die Zeit genommen zu denken.
Er stellte das Buch zurück.
Hinter ihm sagte eine Stimme: „Ich bitte Sie, die Bücher nicht zu verschieben."
Wendelin drehte sich um.
Meister Ossian Fell stand in der Tür. Er war kleiner, als Wendelin ihn sich vorgestellt hatte. Ein alter Mann, schmal, in einem dunklen Gildenrock, dessen Kragen nicht ganz gerade saß. Das Gesicht war von tiefen Linien durchzogen, aber die Augen darunter waren wach und ruhig, wie das Wasser eines Brunnens, das sich nicht vom Wind kräuseln lässt.
Er lächelte. Das Lächeln war warm und echte. Und darunter, so still wie das Fundament unter einem Haus, saß etwas anderes. Etwas Schweres.
„Wendelin Grau", sagte Fell. „Sie sehen Ihrem Vater ähnlich. Um die Augen herum."
„Meister Fell." Wendelin verbeugte sich leicht. „Die Fahnen draußen."
Fell nickte einmal. „Kommen Sie. Wir reden besser bei Licht."
Sie saßen in Fells Arbeitszimmer, das vier Treppen über der Bibliothek lag, und tranken Tee aus Tonbechern, der zu heiß war und nach Wacholder schmeckte. Das Feuer im Ofen brannte niedrig. Auf dem Tisch zwischen ihnen lagen Papiere, die Fell nicht zusammengerollt hatte, aber auch nicht offen ließ. Sie lagen gefaltet, mit der beschriebenen Seite nach unten.
Fell sprach mit ruhiger Stimme. Drei Mitglieder der Gilde seien in den letzten vierzehn Tagen gestorben. Nicht durch Unfall, nicht durch Krankheit, die ein Arzt benennen konnte. Sie seien einfach aufgehört gewesen. Er gebrauchte das Wort so, als wäre es präzise: aufgehört. Man habe sie gefunden, jeden von ihnen, mit offenen Augen, die nichts mehr sahen. Einer habe noch einen Satz auf den Lippen gehabt, den der Gildendiener, der ihn fand, nicht vollständig hören konnte. Ein anderer habe mit einem Schreibkiel in der Hand gesessen, das Papier vor sich leer.
Wendelin hörte zu, ohne zu unterbrechen. Er hatte eine Gewohnheit, die die meisten Menschen für Kälte hielten: er machte sich keine Notizen, wenn jemand sprach. Er schrieb erst hinterher, wenn die Stille ihm gehörte.
„Ich soll die Ursache finden", sagte er, als Fell fertig war.
„Ich soll, dass Sie fragen", sagte Fell. „Ob es eine Ursache gibt oder ein Muster. Ob es aufhören wird oder ob es weitergeht."
„Haben die drei sich gekannt?"
„Alle drei haben einander gut gekannt. Alle drei arbeiteten an Projekten, die ältere Überlieferungen betrafen." Fell hob seinen Becher, trank aber nicht. Er hielt ihn nur. „Astronomie. Optik. Geschichte der Messinstrumente."
„Haben sie zuletzt an etwas Gemeinsamem gearbeitet?"
Fell stellte den Becher ab. Die kleine Bewegung war sehr still. „Das weiß ich nicht", sagte er.
Wendelin betrachtete ihn. Er glaubte ihm nicht. Nicht vollständig. Aber er nickte.
„Darf ich die Zimmer sehen, in denen man sie gefunden hat?"
„Morgen früh. Es ist jetzt zu dunkel." Fell faltete die Hände auf dem Tisch. Die Knöchel waren groß und ein wenig verdreht, so wie die Hände alter Männer werden, die viel geschrieben haben. „Es gibt noch etwas. Ich habe Ihnen eine Begleiterin zugedacht. Keine Gelehrte. Eine Frau, die sich in Gefahr auskennt und in den Gildenhäusern dieser Lande gut bekannt ist. Ihren Namen werden Sie bis morgen früh schon gehört haben."
„Ich reise lieber allein."
„Das", sagte Fell, fast sanft, „weiß ich."
Er sagte nicht, warum er ihm dennoch eine Begleiterin geben würde. Er sagte nicht, welche Art von Gefahr er erwartete. Er stand auf, als wäre das Gespräch beendet, und reichte Wendelin die Hand.
Die Handschüttlung war fest. Aber die Finger des alten Mannes zitterten ein wenig, so wie die Buchstabenbögen in seinem Brief.
Wendelin ließ die Hand los und merkte, dass Fell ihm nicht in die Augen gesehen hatte. Nicht einmal, in dem ganzen Gespräch.
In der Kammer, die man ihm zugewiesen hatte, lag Wendelin wach und hörte dem Haus zu. Alte Gebäude sprechen in der Nacht: das Holz atmet, die Steine setzen sich. Dieses hier war sehr still. Stiller, als es sein sollte.
Er stand auf und trat ans Fenster. Der Hof unter ihm war leer. Die Laternen brannten an den Ecken, und in ihrem Schein sah das Pflaster nass aus, obwohl es nicht geregnet hatte.
Im zweiten Stockwerk, direkt unter ihm, brannte noch Licht. Der Schein zog eine dünne Linie unter einer Tür hervor, die er vorhin nicht bemerkt hatte. Er hatte die Grundrisse des Gildenhauses im Kopf, so gut er sie aus dem Lehrbuch kannte. Das zweite Stockwerk hätte dort einen Vorraum haben sollen. Keinen bewohnten Raum.
Er merkte, dass er seit einer Stunde an dieselbe Frage dachte, ohne sie vollständig zu formulieren: Wer hatte die Bücher aus der Bibliothek genommen?
Nicht ein Fremder. Ein Fremder hätte es nicht so sauber gemacht, so methodisch, ohne die leichteren Bände in den vorderen Fächern zu berühren. Jemand, der wusste, was er suchte. Jemand, der genau wusste, welche Bücher die ältesten waren.
Er legte sich wieder hin. Er schlief nicht ein. Aber er schloss die Augen und wartete, und nach einer Weile hörte er das Licht unter der fernen Tür erlöschen.
Im Hof war es jetzt vollständig dunkel. Über den Dächern von Kaldenmoor standen die Sterne, und sie waren sehr zahlreich und sehr weit weg, und keiner von ihnen wusste, dass er beobachtet wurde.