Die Westermark endete, wie alle Dinge enden, die sich zu lange selbst genügt haben: nicht mit einer Mauer, sondern mit einer Vorstellung von einer Mauer. Was man in Waldenfels die nördliche Grenzlinie nannte, war in den Kanzleiakten als befestigte Verteidigungsanlage ersten Ranges verzeichnet, in den Haushaltsplänen als regelmäßig unterhaltenes Militärbauwerk ausgewiesen, und in der Wirklichkeit — soweit jene Kategorie an diesem Ort noch galt — ein dreißig Jahre alter Steinwall, dessen Fundamente an vier Stellen nachgegeben hatten, dessen südlichste Wachttürme Risse zeigten, die der letzte Inspektionsbericht von vor elf Jahren als unbesorgniserregend eingestuft hatte, und dessen Garnison aus neunundvierzig Männern bestand, von denen siebzehn den Winter in schlechtem Schuhwerk würden verbringen müssen, weil die Requisition vom vergangenen Frühjahr noch immer ausstehend war.
Karl Johannsen kannte diese Zahlen auswendig. Er kannte sie mit der mühelosen Präzision eines Mannes, der aufgehört hat, sie aufzuschreiben, weil er sie ohnehin nicht vergisst.
Es war gegen die siebte Abendstunde, der Himmel nördlich der Mauer bereits in jenes farblose Grau übergegangen, das in dieser Gegend den Herbst nicht ankündigt, sondern schlicht darstellt, als Karl seinen Abendrundgang antrat. Er trat aus dem Kommandanturgebäude — einem zweistöckigen Fachwerkbau, der einmal für acht Offiziere ausgelegt gewesen war und nun außer ihm nur noch den Feldwebel Reuter beherbergte — und knöpfte den Mantel bis oben zu, eine Gewohnheit, die er nicht mehr als Vorbereitung empfand, sondern als den ersten Schritt eines Ablaufs, der ihn durch die nächste Stunde tragen würde wie ein Gerüst.
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