Die Nachricht, dass Lord Grenhart von Osterfeld seine Truppen aus dem Feldlager bei Brekenau zurückgezogen hatte, erreichte den Hof an einem Dienstagmorgen im Februar, mit der zweiten Post, zwischen einem Bericht über Straßenräuber im Südtal und einer Anfrage bezüglich der Weinvorräte für das Frühjahrsbankett. Wer die Post sortierte, war ein Sekretär namens Vogt, der seit elf Jahren diese Arbeit verrichtete und darin die stille Meisterschaft entwickelt hatte, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen — eine Fertigkeit, die in anderen Zeiten tatsächlich nützlich gewesen wäre. Er legte Grenharts Brief obenan.
Königin Isolde Stennach las ihn beim Frühstück, zwischen dem ersten und zweiten Becher Zitronenaufguss, ohne ihre Haltung zu verändern.
Grenhart hatte nicht erklärt, weshalb er seine Truppen zurückzog. Erklärungen hätte er nur einem Mann schulden müssen, der noch die Macht besaß, sie einzufordern. Stattdessen hatte er geschrieben, dass unvorhergesehene Ernteschäden seine Güter zur Neubewertung der Verpflichtungen zwängen — eine Formulierung so dünn wie ein erster Eisfilm über stehendem Wasser, und ebenso durchsichtig. Isolde faltete den Brief mit derselben Sorgfalt, mit der man ein gebrauchtes Stück Tuch faltet: nicht weil es Mühe wert wäre, sondern weil Unordnung eine Gewohnheit ist, die sie sich nicht erlaubte.
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