Der Regen hatte bereits drei Tage angedauert, als die Frau, die sich Marta Hollweg nannte, das Gasthaus zum Eisernen Pflug in Varneck betrat und nach einem Zimmer und einer heißen Mahlzeit verlangte, in dieser Reihenfolge, weil sie in den letzten zehn Tagen gelernt hatte, daß die Erschöpfung sich gegen das Misstrauen behaupten mußte, wenn sie irgendetwas Vernünftiges tun wollte.
Der Wirt, ein Mann mit dem breiten Rücken eines Schmieds und dem Blick eines Vorsichtigen, betrachtete ihre Papiere mit der Sorgfalt eines Analphabeten, der nicht anmerken lassen will, daß er nichts liest, und gab sie ihr zurück. Holzhändlerin aus Rannau, stand darin, verwitwet, auf der Reise zu ihrem Bruder in Pelldorf. Das Papier trug das Siegel des Handelsgremiums von Rannau, das tatsächlich existierte, und das Handzeichen eines Notars, der es nicht tat. Lyra von Steinmark bezahlte im voraus und fragte, ob sie ihr Pferd unter Dach stellen lassen könne.
Das Zimmer war klein und roch nach Lauge und dem Talggeruch von Kerzen, die man zu früh ausgeblasen hatte. Sie setzte sich auf die Bettkante, ohne erst den Mantel abzulegen, und schloß die Augen für einen Moment, nicht um zu schlafen, sondern um Inventur zu machen: drei Goldstücke und elf Silber in dem Beutel, der unter dem linken Arm am Leibriemen hing; die Papiere in der Innentasche; das kurze Messer im Stiefel. Die kleinen Dinge, die zählbar waren. Sie hatte in den letzten Tagen gelernt, daß man sich an das Zählbare hielt, wenn das Unzählbare zu groß wurde, um es anzusehen.
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